Rezensionen ·Sachbücher

Liebe, das neue Wegwerfprodukt 2.0

Ist Liebe nur noch
für den Papierkorb bestimmt?

Liebe ein obsoletes Abfallprodukt der Selbstoptimierung?

Werfen wir heutzutage Liebe schnell weg, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, obwohl sie vielleicht noch haltbar wäre? Ist Liebe obsolet geworden? Behandeln wir Liebe wie ein Einwegprodukt, einmal ausprobiert und dann landet es schon im Papierkorb, immerhin gibt es ja noch viele andere Produkte der Einwegliebe?  Wollen sich viele gar nicht verlieben oder binden?

Szenen die das Leben schreiben: Es sind diese Erwartungen, die man an eine Person hegt, mit welcher man gleich ein Date hat. Nachdem man gefühlte 20 Minuten aufgeregt am verabredeten Ort gewartet hat, es wahrscheinlich letztendlich nur eine winzige Minute war, die man aber laufend auf die Uhr gestarrt hat, kann in einer Zehntelsekunde sich das Bild der oder desjenigen welchen komplett ändern. Plötzlich trägt sie diese rosa Pumps und Klimbim von oben bis unten oder erzählt, dass sie gerade von ihrem Exfreund kommt. Er wiederum hat vielleicht mehr Haargel im Haar als er Haar hat und erst recht als man selbst. Er fragt am besten im zweiten Satz, ob man nicht lieber zu ihm gehen wolle. Er habe aber nicht aufgeräumt, was man doch bestimmt nicht schlimm fände.

„Ist das Liebe oder kann das weg?“ von Michael Nast

Dann steht man da und fragt sich, wie man am besten so schnell wie möglich dieser peinlichen Situation entkommen kann. Wahrscheinlich geht man doch noch mit und versucht mit einem Bier oder Wein halbwegs seinen eigenen Abend zu retten, aber eigentlich hat man gerade das klassische kleine Date-Desaster erlebt. Diese Kuriositäten und witzige Szenen des Liebens und des Lebens, des Single-seins und des Beziehungslebens paarungswütiger Jungen und Mädchen erzählt Michael Nast in seinem Buch „Ist das Liebe oder kann das weg? Vom sonderbaren Verhalten geschlechtsreifer Großstädter“.

Warum sind wir Single? Sind wir beziehungsunfähig oder haben wir zu viele Ansprüche? Sind wir gern Single, weil wir dann freier zu sein glauben?
Warum sind wir in einer Beziehung und das genau mit der Person zusammen, die abends neben uns liegt? Weil wir sie lieben oder weil wir nicht allein sein können? Sind Dates aufregend oder anstrengend?

Haben wir allgemein zu hohe Erwartungen und Ansprüche
an andere?

Michael Nast erzählt in kleinen Geschichten  mit viel Witz und Charme über Kuriositäten des Alltags und Liebesleben von sich selbst und seinen Freunden und Bekannten, sodass ich das Buch förmlich verschlungen habe. Die Szenen des Buches spielen zwar weitestgehend in der Stadt, die Liebe als neuestes Wegwerfprodukt 2.0 erfunden zu haben scheint – in Berlin. Unter drei Millionen Einwohnern gibt es womöglich unendlich viele Möglichkeiten und Gelegenheiten. Die Chancen stehen geringer, einen One Night Stand nach der verkorksten durchzechten Nacht wieder zu sehen oder dem Ex-Freund oder der Ex-Freundin plötzlich im Supermarkt peinlich berührt gegenüber zu stehen. Zudem findet sich an der nächsten Ecke vielleicht noch jemand besseres, der ultimative Traumpartner quasi- Die Erlebnisse, die Michael Nast schildert, können aber überall auftreten. Ich musste häufig lachen, als ich mich wieder erkannt habe und das Gefühl hatte, die Person selbst zu sein, über die ich gerade lese.
Unser Liebesleben ist Stück weit auch immer ein Weg zu uns selbst, wir möchten uns kennen lernen – Ein Selbstfindungsprozess durch lieben und lieben lassen. Das eigentliche Problem ist, dass wir uns manchmal am wenigsten kennen und unsere Gefühlswelt wie die Farbe der Liebe mal rosa – rot zu sein scheint, im nächsten Augenblick wir allerdings wieder nur rot sehen, weil die Liebe wie ein rotes Tuch für uns ist.
Dates zeigen uns unsere Eigenheiten, zu hohen Erwartungen und die Sensibilität zwischenmenschlicher Beziehungen. Wir sind mit Fragen konfrontiert, wie weit wir gehen, was wir von uns erzählen und wie viel wir überhaupt von dem anderen wissen wollen.

Soll „Liebe“ wirklich in den Papierkorb
verschoben werden?

Dates scheinen prädestiniert für Faux-Pas und Missgeschicke. Zu hören, dass derjenige fremd gegangen ist, nicht allein sein kann oder schnell eifersüchtig wird, finden wir nicht besonders anziehend. Aufeinander einlassen, braucht Sympathie dem anderen gegenüber und das Gefühl, sich wohl zu fühlen, zu vertrauen und fallen lassen zu können.

Wohlfühlen, Vertrauen und Fallen lassen sind auch auf die Dauer wichtig für eine funktionierende Beziehung, weshalb ein Schlussstrich zu ziehen genauso in Ordnung ist, wenn diese Kriterien nicht erfüllt werden. Michael Nast behauptet, dass wie jemand den Schlusstrich zieht, viel über dessen Pesönlchkeit verraten kann, genauso viel wie das Date- oder Beziehungsverhalten. Das finde ich jedenfalls eine interessante These im Buch. Wir scheinen uns gern selbst zu optimieren und etwas besseres zu suchen und finden zu wollen. Nur beim Trennen sind wir ganz schön ungeschickt. Dann hat der ein oder andere keinen Zugang zu seinen Gefühlen oder geht den Anstrengungen aus dem Weg, indem er per SMS, Email oder gar Whats App Schluss macht. Liebe wirkt letztendlich  wie ein neues Wegwerfprodukt 2.0.
In Beziehungen besteht häufig wiederum das Problem darin, dass einige festhalten, auch wenn sie unglücklich sind.  Sie bleiben möglicherweise nicht aus Liebe zusammen, sondern vielmehr aus dem Grund, dass sie nicht allein sein wollen oder können beziehungsweise aus Angst beziehungsunfähig zu sein.

Selbstfindung scheint unser neustes Hobby zu sein und Beziehungen bedeuten Zweisamkeit als egoistische Selbstfindung. So zugespitzt wird es uns jedenfalls vorgeworfen.
Viele betrachten möglicherweise Liebe als Abfallprodukt, weil es gerade nicht mit ihrer Selbstoptimierung zusammenpasst. Doch denke ich, ist es übertrieben zu glauben in der modernen Zeit „voller beruflicher Unsicherheiten“ und Fragen eigener Persönlichkeitsfindung, dass Liebe keinen Platz mehr habe.

.. oder eben nicht so billig zu haben…

Wir sind nur manchmal blind und zu sehr mit uns und unserem perfekten Lebenskonzept beschäftigt. Natürlich ist es wichtig, die eigenen Leidenschaften zu kennen und denen zu folgen und einen Beruf und Hobbies zu finden, an denen man besonders Spaß hat. Ich will auch nicht leugnen, dass ich gern mein Leben selbst bestimme und in die Hand nehmen möchte. Doch sollte die Suche nach sich selbst nicht Weg und Ziel gleichzeitig sein. Lieblingsmenschen müssen genauso Platz im eigenen Leben haben.
Tja und was die Liebe angeht, sollten wir vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes einfach auf der Straße suchen? Womöglich finden wir eine Liebe, die jemand anderes weggeworfen hat, aber das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. Hebt sie doch einfach auf? 😉

„Ist das Liebe oder kann das weg?“ ist die perfekte Lektüre für die nächste Straßenbahn-, U- Bahn, Zugfahrt, im Urlaub oder sonntags auf dem Sofa. Aber vor allen Dingen ist es perfekt für den nächsten eigenen Selbstfindungsprozess. Wer Antworten auf meine paar aufgeworfenen Fragen sucht, wird eventuell sogar fündig, auf eine lustige, unterhaltsame Art und Weise.

Verwendete Literatur und weiterführende Links:

Nast, Michael: Ist das Liebe oder kann das weg? Vom sonderbaren Verhalten geschlechtsreifer Großstädter, Berlin 2014.
Offizielle Website von Michael Nast
Facebook- Seite von Michael Nast

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