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Eine platonische Gesellschaft

Sind wir eine Welt voller Freunde geworden?

Gemeinsame freundschaftliche Spuren –
mit jedem und überall?

Das Wort ‚Freundschaft‘ scheint heutzutage inflationär gebraucht zu werden. Bei Facebook, das für die private aber auch geschäftliche Kommunikation ein wesentliches Instrument geworden ist, wimmelt es förmlich nur so von Freunden. Man schließt Freundschaften so schnell und unbedarft: „So, ich hab dich mal als Freund hinzugefügt“. Und genauso unbedarft löschen wir ihn dann morgen wieder?
Hat sich das, was wir unter Freundschaft verstehen, in der Zeit der Social-Media-Welt und Digital Natives verschoben? Hat sich unser Verhältnis zu Freunden verändert?

Oftmals verknüpfen wir uns ja bei Facebook auch erstmal nur, um Organisatorisches zu klären oder sich geschäftlich zu treffen. Für manche ist es sogar eine Kunst des professionellen Netzwerkens. Gesammelt werden möglichst viele Kontakte, die irgendwann einmal etwas nutzen könnten. Nur problematisch daran ist: Unabhängig von den Gründen, weshalb wir eine Person als Kontakt „adden“, nennen wir ihn jedes Mal „Freund“. Sueddeutsche-Online: Du hast 100 neue Freunde 


Zack:Facebook-Freund gelöscht.
Machen wir es uns im wahren Leben auch so einfach?

Gern werden ‚Freunde‘ auch wieder gelöscht, wenn man kaum noch Kontakt zu der Person hält oder mit ihr in Streit auseinander gegangen ist. Wir räumen sozusagen in unserer virtuellen Freundesliste auf. Denn das geht online so schön einfach, aber im wahren Leben? Räumen wir da auch buchstäblich auf? ‚Ey du bist nicht mehr mein Freund, ich drück mal auf ‚Löschen‘, ok?‘ – das kommt uns dann wohl doch eher seltener über die Lippen. Der Unterschied ist, dass wir im realen Leben sensibler im Freundschaften schließen und halten sind. Wir Small-talken gern mit neuen Leuten. Wir haben Bekanntschaften und Kollegen, mit denen wir gern mal einen Kaffee trinken oder im Sommer in den Biergarten gehen. Aber verwechseln wir die „Facebook-Freundschaft mit echter Freundschaft?

Nein. Ein wahrer Freund ist kostbar und für viele heute noch durch klassische Werte charakterisiert: Ein Mensch, mit dem wir die lustigsten und wahnwitzigsten Sachen erleben, für den wir auch mal alles stehen und liegen lassen, wenn er Trost und Unterstützung braucht und bei dem wir wissen, dass er auch umgekehrt für uns da wäre, sobald wir ihn brauchen. Man bemüht sich regelmäßig zu schreiben, zu telefonieren und auch zu besuchen, die Entfernung spielt dabei prinzipiell keine Rolle – außer vielleicht leider in der Häufigkeit von Besuchen. Ein wahrer Freund versteht, dass man nicht immer Zeit hat. Es sind vielmehr die gemeinsamen, wenn auch seltenen Momente, die wertgeschätzt werden.

Die persönlichen Gesten und Erlebnisse zählen. Nähe macht Freundschaft aus. Zeit-Online: Das Geheimnis der Freundschaft. Das fehlt häufig im digitalen Raum. Wir können zwar durch Fotos, Statusmeldungen und Kommentare scheinbar das Leben anderer mitverfolgen, aber wir haben emotional kaum Teilhabe. 

Trotzdem verbringen wir immer mehr Zeit im Internet und in den Sozialen Netzwerken. Es ist unser virtueller Marktplatz geworden, auf dem wir den neusten Klatsch und Tratsch austauschen, uns über die aktuellsten Nachrichten aus der Welt informieren, aber auch die neuesten Neuigkeiten aus dem Leben unserer Freunde erfahren. Das sollte man nicht nur als negativ auffassen, im Gegenteil: Soziale Netzwerke und Digitale Formen der Kommunikation wie E-Mails, Chats und Video-Telefonie ermöglichen uns einen schnellen und leichten Gedankenaustausch.  Digitale Medien nutzen wir als zusätzliches Kommunikationsmittel.  So können Freundschaften halten, egal wie viele Kilometer sie trennen. Für den persönlichen Austausch nutzen wir private Nachrichten und Chats.  Man muss auch online nicht alles mit allen teilen. Wir können uns so auch weiterhin oft zu Leuten mehr verbunden fühlen, die uns etwas bedeuten, egal wo sie gerade sind und wie häufig wir sie sehen. Entfernungen und persönlicher Kontakt entscheiden so weniger darüber über, ob Freundschaft bestehen bleibt oder nicht, sondern mehr welche Erinnerungen und persönlichen Gedanken wir mit ihnen austauschen – und das im Zweifel auch digital.
Soziale Netzwerke ermöglichen uns deshalb manchmal sogar einen intensiveren Kontakt zu Freunden. 

Es scheint alles so schön unkompliziert geworden zu sein. Prägen die Sozialen Medien inzwischen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Hat die digitale Welt nicht nur positive Auswirkungen auf unsere Freundschaften? 
Vermeiden wir Kompliziertheit, die Zwischenmenschlichkeit mit sich bringen kann? Vermeiden wir so gern die persönlichen Konfrontationen, weil sie so unbehaglich sind? Der Generation der ‚Digital Natives‘, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, wird jedenfalls gern öfter vorgeworfen, zu distanziert zu sein. Die digitale Welt schafft Distanz, da sie dazu führt, immer weniger Face-to-Face klären zu müssen. Eine Kurznachricht tut nicht weh. Sie gibt Raum für Bedenkzeit, die richtigen Worte zu finden.

Ein Satz, der unsere heutige Gesellschaft der Rastlosigkeit dahingehend auch beschreiben könnte, ist: “ Lass uns Freunde bleiben“. Immer mehr sind auch kurzlebige Beziehungen, Singles und die neue Mischform Mingle in der Gesellschaft präsent. Meist ist klar, dass das ‚Freunde bleiben‘ nicht funktionieren wird – jedenfalls nicht, sobald sich einer mehr

„Freunde bleiben“ ist schwierig,
wenn der eine mehr Gefühle hat.

erhofft. Insofern ist der Satz auch ein Schutz? Nach außen hin betrachtet soll der andere geschützt werden, da man ihn ja auch ehrlich schätzen gelernt hat. Aber im Grunde kann es auch ein Selbstschutz sein, da der Satz tiefgehende Emotionen

vermeidet. Es sind die vermeintlich richtigen Worte, die man sich in der Kurznachricht zurecht gelegt hat. Der Satz verschleiert die wahren Gefühle für die andere Person oder eben die Gefühle, die man gerade nicht hat. Was nicht automatisch heißt, dass diese Worte aufrichtig gemeint sind. Funktionieren kann es insofern auch, wenn beide ehrlich eine Freundschaft aufrecht halten wollen, weil sie noch freundschaftliche Gefühle für den anderen empfinden.

Dennoch scheint es, als ob wir unser Verhalten aus den Sozialen Netzwerken ins wahre Leben übertragen – das Erspüren von Emotionen des Anderen und das darauf unmittelbare Reagieren wird gern auch mal vermieden. ‚Freunde bleiben‘ hieße dann, dass wir die Person zumindest noch eine Weile in der realen „Freundesliste“ abspeichern können, obwohl wir im Prinzip schon wissen, dass wir bald keinen Kontakt mehr zu der Person haben werden. Auf Facebook löschen wir sie dann ein paar Monate später schon. Denn auch dort wollen wir im Normalfall nicht, dass unsere privaten Fotos, Neuigkeiten und Statusmeldungen jeder sieht. Denn so platonisch die Welt auch scheint, sie ist es nicht.

Weiterführende Links:
Zeit-Online: Was eine Freundschaft im Netz wert ist
Neon.de: Lass uns Freunde bleiben 
Spiegel- Online: wenn die beste Freundin Horst heißt, (04/2014).

3 Gedanken zu „Eine platonische Gesellschaft

  1. Liebe Luise,
    Genau darüber habe ich mir kürzlich auch so meine Gedanken gemacht und ich finde du triffst den Nagel ziemlich auf den Punkt.
    Fakt ist: man kann Freunde aus sozialen Netzwerken nicht Freunde nennen. 657 Freunde auf Facebook? An einen Großteil kann man sich am Ende noch nach langem Überlegen erinnern, wo man sie überhaupt kennengelernt hat und in welchem Vollsuff man sie mal schnell bei Facebook hinzugefügt hat..
    Paradoxerweise würde ich sogar sagen, dass man schwerer seine sozialen Kontakte pflegen kann bzw. Weniger leicht in das soziale Leben reinkommen oder sich dort beweisen kann ohne soziale Netzwerke..
    Ich persönlich, ganz ohne Facebook und co. musste tatsächlich schon oft mit Irritationen anderer umgehen, die nicht verstehen konnten, wie ich kein Facebook in meinem Leben brauche.
    Aber genau solche Reaktionen zeigen mir immer wieder, dass ich genau solche Menschen weder in meinem leben brauche, ferner in meinem leben möchte.
    Es ist ohne digitale Freunde viel leichter zu selektieren. Kennengelernt – kurz unterhalten – abend zuende – und dann?
    Ich adde dich auf Facebook. -Nein danke. ICh brauche nicht noch freund Nummer 678. Mir reichen vorerst freund 1-6. Die, die sich merken wer ich bin, wann es mir schlecht geht und warum. Und nicht 650 andere die mir auf einer Party zunicken, weil sie sich dran erinnern, dass sie meinen Post geliked haben..

    Viele Grüße,
    Anna

  2. Liebe Anna,
    vielen Dank für deinen so ehrlichen Kommentar und die darin wertvollen Gedanken. „Mir reichen vorerst Freund 1-6. Die, die sich merken, wer ich bin, wann es mir schlecht geht und warum. Und nicht 650 andere, die mir auf einer Party zunicken, weil sie sich dran erinnern, dass sie meinen Post geliked haben.“ Dieser Satz trifft meine Botschaft im Kern.
    Da ich selbst Facebook nutze und auch für meinen Blog weiß, wie wertvoll es ist, möchte ich es persönlich nicht missen – aber mehr als Informations- und Kommunikationsportal oder als virtuelles Adressbuch. Es ist wichtig kritisch damit umzugehen und zu reflektieren. Welche Daten möchte ich angeben und mit wem möchte ich sie teilen? Zum Glück ist mittlerweile eine differenzierte Nutzung diesbezüglich bei Facebook möglich. Aber sich bewusst sein, wer die wahren Freunde sind im wahren Leben und wer am Ende wirklich da ist, egal wie oft er das eigene Profilbild geliked oder einen Post kommentiert hat, das ist letztendlich wichtig! Ich finde deine Einstellung wirklich lobenswert! Dennoch traue ich mir mal einen Perspektivwechsel: Du musst auch andere verstehen. Facebook ermöglicht eine vielfältige Kommunikation mit mehreren gleichzeitig und ist auch eine sehr gute Alternative geworden, in kurzer Zeit an wichtige Informationen zu gelangen, ohne mehrseitige Artikel lesen zu müssen oder Nachrichten im Fernsehen zu schauen, die man dann wiederum mit den Bekannten und Freunden austauschen kann. Jemand der nicht bei Facebook ist „schließt“ sich aus, so als wäre er bei Meetings immer in einem anderen Raum, zu dem man jedesmal extra laufen muss. Jeder sollte und darf das für sich entscheiden, ob und welche Sozialen Netzwerke er nutzt. Genau deshalb finde ich deine Einstellung konsequent und anerkennenswert! Aber dennoch wollte ich gern einmal auch die andere Seite widerspiegeln. 🙂

  3. *Widerspiegeln, warum es vielleicht manchmal so schwer scheint, ohne Facebook an alle Informationen zu kommen und auf dem Laufenden zu bleiben, warum Leute mit Facebook überrascht sind. Es ist in der modernen Welt eine feste Komponente in der Kommunikation geworden ums für viele aus dem Alltag nicht wegzudenken. Aber ich denke auch, dass sich neue erschließen werden. Wir sind eine Welt im stetigen digitalen Wandel. Und darum is die Wichtigkeit von Facebook relativ, wie du richtig sagst!

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