umgeblättert

Immer App-to-Date?

Immer App-to-Date?
Zurzeit mit Pokémon Go unterwegs?

Apps sind gar nicht mehr wegzudenken aus unserem modernen Alltag. Doch genauso inflationär, wie eine nach der anderen neu auf den Markt kommt, so schnelllebig sind Apps auch. Immer wenn ich mich gerade dazu durchringe eine auszuprobieren, erzählen mir Freunde und Kollegen schon von den nächsten „Must-Haves“ der App-Szene.
Müssen wir heutzutage immer Up to Date in Sachen Apps sein und damit jeder neuesten App nacheifern? Ich bin zwiegespalten. Lange hatte ich dieses klassische Retro-Handy, unkaputtbar und gedacht zum Telefonieren und heute kaum noch bekannten „Simsen“. Et voilá, mehr Funktionen brauchte ich nicht. Unter meinen Freunden war ich deshalb auch bekannt dafür, selten bis gar nicht auf mein Handy zu schauen.  Ich wollte gar nicht unbedingt Smart- und I-Phones boykottieren, mir war es allgemein einfach nicht so wichtig. Immerhin sind ja Handys streng genommen als mobile TELEFONE erfunden wurden, heutzutage sind sie jedoch eher kleine Computer, Timer, Unterhaltungs- und Informationsmedien, also kleine Gesamt-Alltags-Allrounder geworden. Auch ich trage jetzt mein Handy wie eine Handtasche und habe ein Smartphone mit vielen Apps. Hat man es erst einmal, will man es nicht mehr so schnell hergeben. Sind Apps ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden und beeinflussen uns?

Unser Alltag auf Apps
heruntergebrochen

Schaue ich mir so meine Apps an, die ich nutze, wirke ich unauffällig modern. Doch jedes Mal überlege ich mir, ob ich die App wirklich brauche, sobald es wieder etwas Neues gibt. Es ist der stille Protest in mir. Ein bisschen schlummert immer noch das Mädchen mit dem Retro-Handy in mir, dem das alles gar nicht so wichtig ist (oder zumindest es nicht wichtig finden will). Meist hält der Protest aber offen gestanden nicht sehr lang an. Nur kurz möchte ich mir die App mal anschauen, dann mal ausprobieren und „zack“, danach bin ich ihr verfallen. Mein Blog darf auch gern mal als Ausrede herhalten, wenn die neuesten Funktionen und Apps als Publikationsmaterial dienen könnten. Also habe ich inzwischen Instagram, Pinterest und seit ein paar Monaten sogar Twitter. Damit fühle ich mich schon als ein Opfer unserer Zeit. Gegen Snapchat halte ich mich wacker.

Apps ermöglichen uns vor allen Dingen auch einen Komfort zur leichteren Kommunikation und Informationsbeschaffung, gerade weil wir immer häufiger mobil unterwegs sind. Es gibt kaum noch etwas, was man nicht komprimiert in einer App haben kann. Mit einem Klick kann man Mails abrufen, die Wetterlage prüfen, Nachrichten lesen, nach Restaurants in der Nähe suchen oder mit Freunden schreiben und sich durch Gruppenfunktionen leichter organisieren, egal wann und wo. Sobald Leute an der Ampel stehen, in der U-Bahn sitzen oder auf ihre Verabredung warten, schauen sie auf ihr Handy, sei es um nach neuen Whats-App oder Facebook-Nachrichten zu schauen, sich zu informieren oder den neuesten „Klatsch“ bei Facebook zu lesen. Es erleichtert uns den Alltag und ein Blick aufs Handy ist die Normalität geworden. Egal wo man hinblickt, scheint die Welt von einer mutierten Spezies von Zombies überfallen, den sogenannten Smombies. Diese Wortschöpfung als Kombination aus Smartphones und Zombies beschreibt genau das oben benannte Phänomen – Kein Wunder, denn unser ganzer Alltag scheint auf Apps heruntergebrochen worden zu sein.

Warum brauchen wir den ganzen Kram?
Werden wir überfrachtet mit Innovationen, Informationen und Alternativen zu unser eigenen Unterhaltung? Tendieren wir allgemein dazu, in unserer Komfortzone zu bleiben und uns in all den Funktionen und Apps einzurichten, ohne sie zu hinterfragen?
Apps sind vergänglich, die Verfügbarkeit unserer Daten im Internet allerdings nicht. Facebook- und Instagramprofile verraten allein durch unsere Kontaktlisten sowie unser Like- und Hashtagverhalten mehr über unsere Persönlichkeit, als wir wahr haben wollen. Diese Informationen sind, wenn man hartnäckig ist und wirklich will, mit einer gezielten Suche auch nach Jahren noch auffindbar.

Generation „Reparieren“ gegen Generation „Wegwerfen“?

Spiegeln Apps ein neues gesellschaftliches Phänomen wider? Die Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit werden von einigen auch als Charaktermerkmale des Lebensstils der neuen Generationen kritisiert. Wegwerfen sei das neue Reparieren geworden. Doch muss Wegwerfen nicht gleichzeitig immer vollständige Löschung bedeuten. So wie Apps zwar leicht gelöscht werden können, Daten aber womöglich in Systemen dauerhaft bestehen bleiben, so könnte man dieses Prinzip auch auf unser gesellschaftliches Miteinander beziehen. Neigen wir dazu Problemen aus dem Weg zu gehen, indem wir nicht an den eigentlichen Ursachen wie an unseren sozialen Beziehungen arbeiten durch „Reparaturen“, sondern indem wir sie manchmal einfach ignorieren und eben „wegwerfen“? Ja vielleicht.

Jeder darf die Welt in dem Filter sehen,
in der er sie betrachten möchte…

Dennoch finde ich es persönlich übertrieben und denke, dass wir auch dahingehend eine andere Perspektive im Blick haben sollten. Die Vielfalt an Apps heißt, eine Auswahl zu haben, verbunden mit der Möglichkeit, sich auszuprobieren. Jeder kann wählen, ob er die Welt in einem Filter bei Instagram oder gar als Pokémon-Fang-Arena sehen möchte. Ich probiere gern mal den ein oder anderen Filter bei Instagram aus, ohne gleichzeitig mein reales Leben mit dem in Filtern nicht mehr unterscheiden zu können. Man hat die Wahl, ob man leicht unterhalten und abgelenkt werden möchte mit Snapchat oder eher sein Handy als traditionelles Kommunikationsmittel nutzen möchte, aber mit der modernen Form der Chatkommunikation mit Freunden via Whats App.
Auch im zwischenmenschlichen Bereich werden wir weniger von gesellschaftlichen Konventionen und Regeln bestimmt. Wir können wählen und das ohne große Zwänge. Wegwerfen bedeutet zudem die Möglichkeit des sich Freimachens von zu viel Ballast. Reparaturen können in der Summe irgendwann einen Flickenteppich ergeben. Man sollte natürlich immer abwägen, wann reparieren oder wegwerfen jeweils wirklich sinnvoll ist.

Ich möchte mit auf den Weg geben, dass wir immer mal wieder auch das Retro-Mädchen oder den Retro-Jungen in uns sprechen lassen sollten und erst überlegen, bevor wir handeln sowohl in Bezug auf unser App-Nutzungsverhalten als auch im zwischenmenschlichen Kontakt. Angebote haben ist gut, aber nur solang wir verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen. Welchen Apps seid ihr verfallen oder würdet ihr nicht mehr missen wollen? Welche boykottiert ihr oder welche neue App habt ihr für euch entdeckt? Lasst es mich wissen, ich bin gern App-to-Date, ohne das Retro-Mädchen aus den Augen zu verlieren…

Quellen und weiterführende Links
Dafür gibt’s doch auch eine App.
Die Welt-Online: Die außergewöhnliche Lust am Wegwerfen

Ein Gedanke zu „Immer App-to-Date?

  1. Liebe Luise,

    als ich jung war habe ich das Buch „1984“ gelesen, welches mich damals wirklich NACHHALTIG beeindruckt hat. Beruhigt hat mich damals nur, dass es sich ja „nur“ um Sience Fiction handelt und ich mir nicht vorstellen konnte, dass solche Überwachungsmöglichkeiten technisch je möglich sein dürften.

    Heute können die Schnüffler über den Kinderkram von George Orwell nur müde lächeln, die verdoofte Bevölkerung benutzt inzwischen die völlig überbordende Überwachungstechnik aus freien Stücken, bezahlt den Wahnsinn sogar noch aus eigener Tasche! Über die immensen Umweltschäden, die damit einhergehen, will ich mich jetzt hier gar nicht weiter auslassen.

    Ich mache es kurz, ein Buchtipp, es liest sich wirklich gut und flüssig:
    „Die smarte Diktatur: Der Angriff auf unsere Freiheit“
    von Harald Welser
    Ich konnte mein Exemplar übrigens ganz analog beim (noch existierenden) Buchhändler erwerben, sogar mit Bargeld, ohne Personalausweis und Treuepunkte!

    In der irren Hoffnung, dass Dir Deine Klicks und Spuren, die wie Tattoos auf der Haut nie mehr wegzuwischen sind, nicht eines Tages um die Ohren fliegen

    yours Harri

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