umgeblättert

Mit Qualität bitte !!!

Für Qualitätsjournalismus als Mainstream-Phänomen

Medien sollten frei und unabhängig sein,
Kritik besteht, ob sie das wirklich sind.


Lügenpresse!!!
Wenn man sich in den sozialen Medien bewegt und bei Beiträgen zu sensiblen, die Gemüter erregende Themen die Kommentare liest, scheinen viele Ausrufezeichen hintereinander hoch im Kurs: „Flüchtlinge raus!!!“ – „Macht die Grenzen zu!!!“.

„Lügenpresse, Lügenpresse…!!!“, als Parole oder zumindest als gedachte Parole in einem Kommentar mit vielen Ausrufezeichen scheint besonders beliebt.
Lügenpresse wurde 2015 als Unwort des Jahres 2014 gekürt und verweist auf ein Phänomen, das sich zu der Politikverdrossenheit der letzten Jahre dazu gesellt hat: Die Medienverdrossenheit.  Letztere äußert sich in den Beschwerden und Vorwürfen der Leserschaft, Zuschauer oder Zuhörer, welche sich gezielt an die Medien richten. Journalisten würden nicht über die ganze Wahrheit berichten oder nur einseitig in ihrer Meinungsdarstellung sein.

Mir stellt sich die Frage, warum sich gerade in den letzten Jahren vermehrt diese Medienverdrossenheit öffentlich äußert. Berichten die Medien plötzlich anders? Doch eigentlich nicht.

Waren die Demonstrationen wie von Pegida oder der AfD Auslöser? Unter anderem. Vermutlich besteht die Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung schon länger und findet nun für ihre Wut einen öffentlichen Kanal.

Ist es das Internet, das so eine breite Aufmerksamkeit erst ermöglicht? Zumindest scheint es die

Der Wahlspruch der AfD in Berlin.

Dimension zu verändern. In Sozialen Medien kann man sich dazu austauschen und innerhalb kürzester Zeit diverse Meinungen und Informationen einholen und sich gleichermaßen äußern. Das geschieht scheinbar vor allen Dingen gern auch durch viele Ausrufezeichen, sei es als Betonung der Zustimmung oder wohl noch eher als emotionale Spiegelung der eigenen Wut.

Das Internet und die Sozialen Netzwerke bilden eine neue Dynamik und damit auch eine neue Dimension von und in Medien. Das klassische Produzenten-Rezipienten Verhalten im Dialog zwischen dem Journalisten und dem Leser, Zuhörer oder Zuschauer weicht hier auf. Die Medien sind nicht mehr allein Sender von Informationen und Meinungen. Ihre Leser bilden gleichzeitig nicht mehr allein Adressaten. Jeder kann in der Online-Welt prinzipiell beides sein, Produzent und Adressat. Meinungen, die produziert werden, sind zudem dort für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Das entscheidende Problem dabei bildet jedoch für mich, dass zwar jeder Informationen und Meinungen liefern darf, nicht aber jede Information automatisch qualitativ oder jede Meinung mit Argumenten belegbar sein muss.

Ein Stichwort sollte in dem Kontext ‚Medienkompetenz‘ sein, d.h. Informationen in ihrem Gehalt umfangreich abzuwägen, umfassend zu prüfen und anschließend für sich zu reflektieren. Die Massenproduktion von Meinungen birgt die Gefahr, dass einige Leute solche schnell mit dem vermeintlichen Informationsgehalt dahinter vermischen. Eine subjektive Auffassung wird mit objektiver Information gleichgesetzt. Beiträge jeglicher Art sollten von jedem kritisch zu hinterfragen sein. Das schließt natürlich auch alle Print-, Funk- und visuellen Medien ein. Artikel sollten in ihrer Recherche transparent und Aussagen in ihrer Herkunft nachvollziehbar sein. Aber gerade auch die Online-Welt mit ihrer Fülle an Informationen und dem Risiko einer Reizüberflutung erfordert Medienkompetenz mehr denn je.

Immer mehr kommt auch die Diskussion darüber auf, inwiefern Medien Qualität liefern, was qualitativen Journalismus ausmacht, wer ihn für sich beanspruchen darf und inwiefern man Qualität im Journalismus schützen und fördern sollte.
Was bedeutet Qualitätsjournalismus also konkret? Welche Kriterien müssen qualitative

Wie viele Leute lesen noch klassische Zeitungen?
Verändert das Internet die Dimension?

Medien erfüllen?

Journalismus wird meiner Meinung nach besonders dann zu einem sensiblen Thema, wenn es um uns als Bürger geht, um unsere gesellschaftliche Teilhabe und streng genommen um uns als Mitgestalter der politischen Landschaft. Journalismus soll genau deshalb frei und unabhängig sein, um als Medium zur objektiven Informationsbeschaffung eines jeden Bürgers zu dienen und um die Meinungslandschaft umfassend abzubilden. Medien sollen Demokratie schützen und die Meinungs- und Pressefreiheit als wesentliche Grundfreiheiten gewährleisten. Augenscheinlich werden deshalb häufig Medien an den Kriterien vom Qualitätsjournalismus gemessen, die über diese sensiblen politischen und gesellschaftlichen Themen schreiben, da letztere objektiv dargestellt werden sollten.

„Freie und unabhängige Medien sind für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft unerlässlich. Sie informieren, erklären, ordnen ein, bieten verschiedene Meinungen, aktivieren, kurz: Sie helfen, demokratische Öffentlichkeit herzustellen. Zudem haben sie eine wichtige Kontrollfunktion gegenüber den Mächtigen“, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung.

Frei und unabhängig wird jedoch im Zusammenhang mit der Lügenpressen-Debatte von den Kritikern in Bezug zu bestimmte Medien angezweifelt. Die Medien seien zu politisch und in ihren Aussagen nicht ausreichend frei und unabhängig.

Als „moralisches Bollwerk einer publizistischen Elite“, bezeichnete der Medienökonom Jan Krone (2010) zum Zeitpunkt seiner Publikation den möglichen Kreis derjenigen, die sich als Qualitätsmedien begreifen. Es ist die indirekte Kritik, dass der Umfang an Medien zu gering sei, die das Gütesiegel „Qualitätsjournalismus“ für sich zu beanspruchen scheinen wie beispielsweise Focus, Spiegel, Stern, Zeit, Tageszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche oder öffentlich

Beispiele

rechtliche Sender wie ARD, ZDF, Phönix oder Deutschlandradio. Doch das Internet zwingt nach Krone den Kreis der Qualitätsmedien sich zu öffnen und Qualitätsjournalismus nicht mehr nur einer kleinen „Elite“ zuzusprechen.

Was heißt aber Qualität beziehungsweise welche Kriterien bestimmen denn nun eigentlich den Qualitätsjournalismus als solchen?

Hierzu können nach Schulzki-Haddouti, Bunjes & Jakob (2009) berufsethisch im Journalismus folgende Charakteristika benannt werden: Wahrhaftigkeit, Sorgfalt bei Recherche und Dokumentation, Sachlichkeit in der Berichterstattung, Argumentation, Ausgewogenheit, Unabhängigkeit und Vertraulichkeit.
Diese Eigenschaften beschreiben für mich gleichzeitig eine rationale und objektive Betrachtungsweise, was für die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Journalismus entscheidend sein sollte.

Für mich bleibt unklar, wieso die sogenannte Lügenpresse ausgerechnet diejenige sein soll, die
recherchierte und kritisch reflektierte Beiträge und Reportagen liefert. Ein Kommentar bei Facebook soll hingegen eine sichere Quelle sein? Jeder sollte natürlich die Möglichkeit haben, seine Meinung frei zu äußern und nach eigenem Ermessen anderen Meinungen zustimmen oder ablehnen. Menschen beurteilen jedoch aus einer persönlichen Perspektive Informationen und Meinungen und weniger aus einer objektiven Betrachtungsweise heraus. Genau diese Subjektivität vermitteln Online-Medien aufgrund der Direktheit durch die Status- und Kommentarfunktion.

Bildquelle:  Siehe unten Tagesspiegel-online (2015,I)

Meinung äußern, heißt zu seinen eigenen subjektiven Ansichten stehen, was für den normalen Konsumenten in Ordnung ist. Medien mit Gütesiegel Qualitätsmedium sollten jedoch meines Erachtens mehr leisten als subjektive Meinungsäußerung. Argumentationen können vielfältiger und objektiver begründet werden, wenn sie sorgfältig recherchiert und belegt sindSchnelligkeit ist gut aber nicht unbedingt ein hinreichendes Qualitätsmerkmal für die Glaubwürdigkeit eines Mediums in seiner Berichterstattung. Kritisiert werden sollte entsprechend nicht gleich, dass ein Medium xy sich nicht unmittelbar zu einem Sachverhalt äußert, da es das oftmals ohne ausreichende Recherchen und Belege nicht angemessen leisten kann. Kritisiert werden könnte und sollte eher eine unschlüssige, widersprüchliche oder gar fehlende Argumentation eine Mediums.

Meine Bilanz ist, dass die Förderung von Medienkompetenz durch Politik, in der Bildung und in den Medien Priorität in unserer modernen Gesellschaft haben sollte. Dies schließt klassische Medien wie auch Inhalte in den neuen Medien ein. Internetbeiträge und Bloginhalte sind nicht automatisch unglaubwürdig, klassische Medien nicht gleich Qualitätsjournalismus. Meinungs- und Informationsvielfalt sind in unserer Medienlandschaft in einer funktionierenden Demokratie wesentlich. Das benennen von Informationen und Meinungen durch wenige Medien, sei es ausschließlich in Sozialen Medien oder auch durch einen zu kleinen Kreis zulässiger Qualitätsmedien führt zu der Gefahr, dass diese Inhalte als gesetzt scheinen und gleichermaßen durch die Konsumenten unreflektiert übernommen werden.

Jeder sollte Medien in ihrer Wahrhaftigkeit, Recherchesorgfalt und Argumentationsstruktur überprüfen und kritisch reflektieren können. Kriterien können oben benannte Charakteristika sein. Qualität ist wichtig. Qualitätsjournalismus sollte aber kein Monopol weniger Medien sein. Vielmehr hat jeder die Möglichkeit und sollte den Anspruch haben qualitativ zu produzieren. Die Online-Welt muss kein Qualitätsverfall von Journalismus bedeuten. Wir sollten es im Gegenteil als Chance wahrnehmen, Qualitätsjournalismus ein Mainstreamphänomen werden zu lassen, um so dem moralischen Bollwerk einer publizistischen Elite zu entgehen.

Verwendete Quellen und weiterführende Links:

Süddeutsche-online: Journalismus in Zeiten der ‚Lügenpresse‘ (2016)
Tagesspiegel-online: Lügenpresse. Warum verlieren Medien an Glaubwürdigkeit? (2015)
Tagesspiegel-online: Qualitätsjournalismus. Zweifelhaftes Prädikat (2015)
Lünenborg,Margreth: Qualität in der Krise, bpb (Hrsg.) (2012)
Krone, Jan: „Qualitätsjournalismus“: Systemkrise des elitären publizistischen Führungsanspruchs (2010)
Schulzki-Haddouti, Bunjes & Jakob: Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus (2009)

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