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Ein Halbkreis voller Meer

Eine Rezension zu 180 Grad Meer von Sarah Kuttner, 12/2015

(S. Fischer Verlage)

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180 Grad Meer von Sarah Kuttner

Im März bekam ich die unglaublich schöne Geburtstagsüberraschung, zur Lesung von Sarah Kuttner im Heimathafen Neukölln gehen zu dürfen. Nicht nur, dass eine Lesung nun mal ein ideales Geschenk für einen Buchnerd wie mich ist, sondern Sarah Kuttner ein mal live erleben zu dürfen, hat mich sehr gefreut.

Im Zuge der Lesung hatte ich mich dann auch zum Kauf des Hardcovers hinreißen und es direkt von Sarah Kuttner signieren lassen. Ich war sehr gespannt auf 180 Grad Meer.  Die Passagen, die bei der Lesung vorgestellt wurden, klangen für mich persönlich schon mal vielversprechend. Doch würde mich der Roman wieder so mitnehmen wie die vorigen?

Inhalt

Jule ist Sängerin in einem Pub in Berlin. Ihr Leben funktioniert irgendwie, doch wirklich glücklich ist sie nicht. Zumindest scheint sie ihr Leben und sich selbst nicht so richtig zu mögen. Als ihr Freund Tim eine Beziehungspause wünscht, flieht sie zu ihrem Bruder Jakob nach London. Dieser spürt bereits, dass sie wohl mehr als nur ein paar Tage bleiben wird. Einerseits versucht Jule nicht nur vor Tim zu fliehen, sondern auch vor sich und ihrer Vergangenheit. Es beginnt für sie eine Suche nach sich selbst. Ihr Vater verließ die Familie, als sie noch ein Kind war. Von dem Punkt an lebte sie mit ihrer depressiven Mutter allein und fühlte sich für sie verantwortlich. Bei ihrem jüngeren Bruder übernahm sie die Mutter- und Vaterrolle.

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Manchmal muss man einfach weg. Egal wohin. Hauptsache ans Meer.

Das Meer ist für Jule Balsam für die Seele, vor allem, wenn es sich zu 180 Grad vor ihr erstreckt. Nach einer gewissen Zeit verlässt sie London deshalb, um mehr Zeit an der Küste Englands zu verbringen. Sie nimmt einen Hund mit, der ihr nicht gehört, dessen Besitzerin ihn aber auch nicht behalten möchte. Er gefällt ihr, da er genauso unzufrieden und verstört vom Leben zu sein scheint wie sie. Jule befindet sich in ihrem Urlaub ganz in der Nähe vom aktuellen Wohnsitz ihres Vaters, der an Krebs erkrankt ist. Lange zögert sie, ob sie ihn besuchen sollte, da er ihr eigentlich fremd ist – bis sie den Schritt letztendlich wagt.

Kritik

Die Kritik zum Buch in den Medien ist durchwachsen. Manche Rezensionen, die ich las, meinten, es sei eine gefühlvolle mitreißende Geschichte. Die anderen kritisierten die Ähnlichkeit der Charaktere von Kuttners Protagonisten. Das Buch wäre demnach mehr eine Neuauflage der Vorgänger und somit zu wenig überzeugend. Ich kann die Kritik jedoch nicht teilen. Es stimmt, dass die Hauptfiguren von Sarah Kuttners Geschichten meist weiblich sind und sich in ihrer Quarter-Life-Crises befinden. Doch sind die 20-30 Jährigen vermutlich auch die Zielgruppe des Romans. In dem Alter macht sich jeder irgendwann Gedanken darüber, was einen genau ausmacht, wo man in der Zukunft hin will oder welche Ziele man erreichen möchte.

Das Buch ist ernsthafter und fängt mehr Gefühle ein als die Romane zuvor. Sarah Kuttner beschreibt die Gedankenwelt der Protagonistin diesmal viel detaillierter. Man kann die Gedankengänge der Jule differenziert nachempfinden. Der Zugang zu ihren Gefühlen scheint der Figur selbst fast vollständig zu fehlen. Ich begann mitzufühlen. Ich konnte durch die klaren Beschreibungen sehr gut nachvollziehen, warum die Protagonistin so tickt, wie sie tickt und weshalb sie wenig mit ihren Eltern zu tun haben möchte. Doch scheint Jule sich im Buch selbst am meisten zu hassen, sodass ich ihr, wie ihr Bruder und Freund, am liebsten oft hätte sagen wollen: „Ach Jule“. An manchen Stellen musste ich deshalb das Buch sogar weglegen, da die Figur manchmal geradezu in Selbstzweifel zu ertrinken schien und es sich zu einer lithargischen Stimmung entwickelte.

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Zwar nicht am Meer, aber auch schön: Der Landwehrkanal in Berlin

Ohne zuviel vorwegzunehmen, möchte ich anmerken, dass das Buch für mich persönlich zu abrupt endete. In dem Moment, in dem es eine Entwicklung in der Familienbeziehung zu geben schien, blieben viele Fragen offen, die man noch beantwortet haben wollte.

Fazit

Langweilig fand ich den Roman von Sarah Kuttner letztendlich keineswegs und für mich entspricht es auch keiner platten Wiederholung der vorigen Bücher. Dennoch muss man sich auf die ab und zu schwerfällige, traurige Atmosphäre der Geschichte sowie auf die melancholische Art der Hauptfigur einlassen können.

Seit April ist das Buch übrigens auch als Taschenbuchausgabe erschienen. Also jeder der es noch nicht gelesen hat, kann es sich als Taschenbuch kaufen. Ich kann auf jeden Fall meine Empfehlung für 180 Grad Meer aussprechen!: „Manchmal muss man weg, einfach weg. Egal wohin. Hauptsache ans Meer.“ Mit dem Buch könnt ihr gedanklich ein bisschen ans Meer reisen.

Auch Spannend:

Sarah Kuttner (2009): Mängelexemplar

Sarah Kuttner (2011): Wachstumsschmerz Die Protagonistin trägt den Namen Luise. Das war mir natürlich besonders sympathisch ;-).

Sarah Kuttner auf Facebook

Kuttners schöne Nerdnacht

Kuttner plus Zwei (Inzwischen leider abgesetzt)

 

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