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„Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur“, Andrea Wulf – eine Rezension

Eine Rezension zu: “ The Invention of Nature. The Adventures of Alexander von Humboldt“

– Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur von Andrea Wulf

(09/2015, Knopf-Verlag (engl.) 10/2016; C. Bertelsmann-Verlag (dt.))

Wenn man in Berlin wohnt, begegnet einem der Name Alexander von Huboldt immer wieder: Eine Universität – die HU – und ein Volkspark – Volkspark Humboldthain- sind unter anderem nach dem Wissenschaftler benannt. Bald wird es im neu aufgebauten Berliner Schloss sogar das sogenannte „Humboldt-Forum“ seinen Sitz finden, ein Kulturhaus für Ausstellungen und Veranstaltungen.

Wer aber ist Alexander von Humboldt eigentlich genau, diese Person, der man die Entdeckung der Natur zuschreibt? Gern wollte ich mehr im Detail über den Wissenschaftler erfahren und so einen der herausragendsten Naturwissenschaftler der Welt besser kennen lernen.

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Das Buch über die Entdeckung der Natur.

Inhalt

Andrea Wulf beschreibt Humboldts Wesen, indem sie seine Leidenschaft für Natur und den Entdeckungsdrang Schritt für Schritt durch eine chronologische Darstellung seines Lebenswegs aufzeigt. Humboldt genießt eine private Schulausbildung und strenge Erziehung durch die Mutter. Als sie stirbt kann er endlich seinem Fernweh durch Forschungsexpeditionen nachgehen.

Seine erste Forschungsreise, gemeinsam mit dem Botaniker Aimé Bonpland soll nach Amerika gehen, zwischen Orinoco und Rio Negro, von Cartagena nach Lima und anschließend nach Mexico. Vor allem die Besteigung des Chimborazo in Ecuador wird ihn nachhaltig prägen. Nach seiner Rückkehr lebt und arbeitet Humboldt in Paris und Berlin als Naturforscher und arbeitet seine Erfahrungen und Erlebnisse der Amerikaexpedition auf. Ungefähr 20 Jahre später soll es noch eine Expedition nach Russland geben, die Humboldts Erkenntnisse über Natur und Entwicklung komplettieren sollen.

Er lernt auf seinen Expeditionen vielfältige Tier- und Pflanzenarten kennen und begreift, wie einzigartig Natur funktioniert und miteinander harmoniert, alles scheint buchstäblich gewachsen zu sein und miteinander zusammenzuhängen. – Die Aufzeichnungen dazu sollen weitreichende Erkenntnisse beinhalten über Klima, Klimazonen und Vegetationen, die wesentliche Grundlage für seine späteren Werken „Ansichten der Natur“ und „Kosmos“ werden. Er wird Verfechter der Theorie, dass die Entwicklung der Natur auf Naturphänomenen wie Erdbeben beruht und stößt dabei auf erhebliche Kritik: Unter anderem von seinem Freund Johann Wolfgang von Goethe, der ihn dennoch sein Leben lang verehrte und bewunderte – genauso wie auch Charles Darwin, der die Bücher von Humboldt liest und diese ihn dazu bewegen, Forschungsreisen zu begehen und letztendlich Wegbereiter für sein berühmtes Werk „Die Entstehung der Arten“ werden.

Humboldt wurde, entgegen vieler andere Wissenschaftler, bereits zu Lebzeiten berühmt und galt als einer der angesehensten Gelehrten der Welt.

Kritik und Buchbesprechung

Vorab: Ich persönlich las das Buch im Original, in englischer Sprache. Es hatte zum einen etwas Befremdliches, ein Buch in englischer, wenn auch Originalsprache, zu lesen, welches von einer Autorin mit deutsch als Muttersprache über einen deutschen Wissenschaftler geschrieben wurde. Zum anderen aber, aus der wissenschaftlichen Perspektive her lies es sich sehr gut und flüssig, da Englisch oft kurz und prägnant in seinem Ausdruck ist. Es erscheint außerdem wiederum nahe liegend, ein Buch in englischer Sprache über einen Wissenschaftler der Natur zu verfassen, da heutzutage Diskurse zu Erkenntnissen der Naturwissenschaften auf internationalem Niveau fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden.

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Ein perfektes Buch zum Schmökern über Natur und die Welt.

Die Verknüpfung verschiedener Handlungslinien faszinierte mich besonders. Die Autorin handelte nicht einfach nur die verschiedenen Stationen aus Humboldts Leben ab, sondern setzte sie stets in einen weiterführenden thematischen Kontext wie Wissenschaft und Poesie, Natur und Religion im Widerstreit oder die politischen Entwicklungen der jeweiligen Zeitperiode.

Alexander von Humboldt galt enstsprechend vor allem als Humanist und sehr liberal für seine Zeit. Er wollte zum einen zeigen, dass Natur etwas kunstvolles ist, sodass er Poesie und Natur stets miteinander verknüpfte. Zum anderen wollte er Wissenschaft nicht mehr nur für Priveligierte, sondern für jedermann zugänglich machen und hielt Vorlesungen, die jeder besuchen durfte, ohne Geld zahlen zu müssen. Für ihn durften zudem nicht nur Männer verschiedener sondern auch Frauen seinen Vorlesungen lauschen, da für ihn allein Wissbegierde und Neugier für die Natur und Wissenschaft zählte.

Alexander von Humboldt erkannte zudem die Bedeutung der Natur und ihre sonderbare Entstehung aus der Evolution heraus und nicht von Gott gegeben, eine Erkenntnis, die dann auch Darwin aufgreifen sollte. Beide wurden wichtige Verfechter der Evolution in einer sich in der Epoche entwickelnden zähen Diskussion zwischen Befürwortern der natur- und gottgegebenen Entstehungsweise der Welt und des Lebens auf der Erde. Hier ist für mich positiv festzuhalten, dass diese Diskurs in dem Buch weitergeführt wird, indem nicht nur Erkenntnisse und Ansichten Humboldts, sondern auch von Wissenschaftlern wie Charles Darwin oder Ernst Haeckel (Zoologe) mit aufgeführt werden, die sich auf Humboldts Thesen stützten und in seiner Linie fortführten und ausbauten.

Durch die Lektüre erhielt man einen erkenntnissreichen Einblick in Humboldts Theorien und so auch über einen der wichtigsten Wegbereiter für die Wissenschaft der Natur, der zudem in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war. Er war Befürworter der Französischen Revolution und später auch der Märzrevolution in Deutschland und war so auch Anhänger der Idee der Gleichberechtigung und Freiheit aller Menschen, er war ein Weltbürger und betrachtete die Natur, die Erde und das Leben als einen ganzheitlichen Kosmos.

Fazit

Das Buch wurde vielfach preisgekrönt und das zu recht: Andrea Wulf gelingt es Alexander von Humboldt in seinem Wesen und insbesondere auch seine komplexen Ideen und Erkenntnisse über die Natur als Ganzes anschaulich dazustellen. Ich empfehle jedem Natur- und Wissenschaftsinteressierten das Buch, egal ob Experten oder Laien, da auf eine anschauliche Art und Weise Humboldt und die Welt der Natur in ihrer Wissenschaftsgeschichte nahegelegt wird. Man erfährt sowohl mehr über naturwissenschaftliche Erkenntnisse in ihrer Entstehung als auch über die politischen Verhältnisse der 18. und 19. Jahrhunderts. Vor allem lege ich auch jedem Berliner das Buch nahe. Selbst wenn Humboldt von sich behauptete, Berlin nie richtig gemocht zu haben, so lebte er den größten Teil seines Lebens in der Stadt und prägte sie wesentlich.

Das Buch wird im Übrigen in der zweiten Jahreshälfte als Taschenbuch in deutscher Sprache erscheinen.

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Die deutsche Ausgabe, Bildquelle: www.randomhouse.de

Weiterführende Links

Tagesspiegel: Überschätzter Universalgelehrter

druckfrisch mit Andrea Wulf in der ARD Mediathek

3 Gedanken zu „„Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur“, Andrea Wulf – eine Rezension

  1. Danke für den Tipp! Das Buch ist gleich auf der Wunschliste gelandet und außerdem die perfekte Geschenkidee für eine Freundin 🙂

    Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag
    Kerstin

  2. Hallo!
    Eine sehr schöne Rezension! Das Buch hört sich wirklich interessant an & ich denke, ich werde es mir mal genauer anschauen! Du hast mich auch daran erinnert, das Darwins „Entstehung der Arten“ noch bei mir steht. Sollte ich wirklich endlich mal lesen!

    Liebe Grüße,
    Pia!

  3. Was für ein guter Tipp! Ich habe ,,Die Vermessung der Welt“ damals sehr gemocht, vielleicht ist das ja was für mich.
    Viele Grüße
    Jana
    PS: Die Humboldt-Bibliothek in Alt-Tegel ist auch ein echter Hingucker. Eine moderne Kathedrale für das geschriebene Wort. 🙂

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