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Damals wie heute – Anja Baumheiers „Kranichland“, eine Rezension

Kranichland – erschienen bei Wunderlich März 2018

Kranichland, ein Roman über das Schicksal einer Familie in der DDR, die Opfer der des Überwachungssystems wurde und sich dem fügte, weil sie letztendlich an den Idealen des Sozialismus festhalten und sich gleichzeitig selbst vor der Politik schützen wollte.

Dieser Roman hat mich auf eine besondere Weise berührt, so wie ich es schon lange nicht mehr (wenn überhaupt) bei einem Buch erlebt habe, nämlich auf eine unerwartete, sehr persönliche Art. Ich bin selbst in der ehemaligen DDR geboren, meine Familie hat sie bewusst erlebt. Es schien mir, als würde ich bei Familie Groen Facetten meiner eigenen Familienbiographie lesen.

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Anja Baumheiers Kranichland

Inhalt

Heute: Theresa erfährt, dass sie ein Haus geerbt haben soll und zwar von ihrer Schwester Marlene. Auch Charlotte, die ältere Schwester überrollt diese unerwartete Nachricht mit Wucht. Bis zu diesem Tage glaubten beide, dass Marlene vor über 30 Jahren bei einem Bootsunfall gestorben sei. Falls sie tatsächlich noch gelebt haben soll, weshalb berücksichtigte Marlene nur Theresa in ihrem Testament? Als deutliche jüngere Tochter hatte sie nie die Gelegenheit, Marlene kennen zu lernen.

Damals: Johannes Groen flieht aus Schlesien. Als Kolja ihn in Potsdam mit zu den Treffen des sozialistischen Widerstands mitnimmt, findet Johannes eine neue Familie. Endlich würde man die Trümmer des deutschen Staates neu aufbauen und zwar in Frieden sowie basierend auf den Ideen der Gerechtigkeit und Gleichheit. Als er Elisabeth kennen lernt, scheint sein Glück perfekt. Sie ziehen nach Berlin, nachdem Johannes eine Stelle bei der Staatssicherheit in Berlin angeboten wurde. Er sieht es als neue Chance, da sie immerhin dabei sind, eine Familie zu gründen.

Charlotte, die ältere Schwester bewundert ihren Vater Johannes und verschreibt sich wie er dem Sozialismus und der DDR. Marlene, die jüngere, hingegen betrachtet die politischen Mechanismen der Überwachung sowie die fehlende Meinungsfreiheit sehr kritisch. Sie verliebt sich zudem in den Sohn eines Pfarrers mit dem sie beschließt, zu fliehen. Für ihre Eltern bedeutet es, weitreichende Konsequenzen einzuleiten…

Heute: Elisabeth erkrankt an Demenz, weshalb es für Theresa und Charlotte schwer ist, die wahre Geschichte um Marlene zu erfahren. Erschüttert wird die Familie von vielen Geheimnissen.  Was hat es zum Beispiel mit dem Gemälde von Marlene auf sich, auf dem eine Frau vor einem Gefängnis der Staatssicherheit steht und die Aufschrift trägt: „Damals wie heute“?

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Ein zeitgeschichtlicher Roman über eine Familie in der DDR

Kritik

Der Roman ist erschütternd und aufrüttelnd zugleich. Der Autorin gelingt mit einer facettenreichen Sprache bildhaft zu beschreiben. Die Familiengeschichte berührt einen so noch tiefgehender. Sie lässt einen so schnell nicht mehr los.

Ein Geheimnis nach dem anderen wird gelüftet. Die Lügen der Familie verselbständigten sich in der Vergangenheit, sodass sich all die Stricke immer mehr zu einem lügenhaften Wollknäuel verheddern. Grund war politisch sowie in der Gesellschaft nicht negativ aufzufallen.

Anja Baumheier fängt mit ihrem Roman für mich den Charakter des DDR-Regimes gut ein. Die zeitgeschichtlichen Hintergründe werden umfassend in die Buchgeschichte eingeflochten und wirken sehr gut recherchiert. Die Autorin verklärt nicht, sondern zeigt eine realistische Momentaufnahme der DDR-Geschichte auf. Das erschütternde daran ist nämlich, dass sich viele solcher Geschichten so oder so ähnlich tatsächlich in der DDR zugetragen haben. Ein Staat, gegründet auf Idealismus, entwickelte sich zu einer politischen Diktatur.

Nur ein Aspekt, den ich gern noch mehr betont gesehen hätte, ist, dass die Geflüchteten aus Schlesien zu DDR-Zeiten nicht über die Vertreibung reden durften, vor allem wenn sie dem Staat dienten. Sie galten als „Umsiedler“. Das hätte in der Biographie von Johannes für mich stärker zum Tragen kommen können, um den psychischen Druck noch pointierter zu veranschaulichen. Manchmal verliert sich die Geschichte auch etwas in Beschreibungen, gerade zu Beginn.

Mit der Zeit jedoch wollte ich immer mehr in die Geschichte abtauchen, die sowohl „heute“ als auch durch Rückblenden im „damals“ spielt. Vor allem die letzten Zeilen ließen mich mit einer gewissen Bedrückung zurück. Der Roman Kranichland gab mir noch einmal mehr das Gefühl, erlebte Emotionen meiner Eltern und Großeltern persönlicher nachempfinden zu können und allgemein die damaligen Umstände in der DDR besser zu verstehen.

Fazit

„Liebe Luise, möge die Geschichte etwas in dir aufblättern“, schrieb Anja Baumheier mir als Signatur in mein Rezensionesexemplar beim Bloggertreffen von Rowohlt auf der Buchmesse in Leipzig. Liebe Anja Baumheier, dies ist dir mit deinem Debüt mehr als gelungen. Ich empfehle den Roman sowohl denjenigen, die in der DDR aufgewachsen sind, Angehörige haben, welche in der DDR gelebt haben als auch all denjenigen, die an der Zeitgeschichte interessiert sind. Denn ich bin mir sicher, dass es bei jedem etwas „aufblättern“ wird. Vielleicht finden sich sogar bei euch Parallelen.

Weiterführende Links:

Antenne Brandenburg über Kranichland

Meine Messeberichte:

Make books great again, auf der Leipziger Buchmesse Teil 1

Das Wort zum Sonntag, auf der Leipziger Buchmesse Teil 2

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