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Muttererde – Eine Frage der Herkunft, Rezension zu Bennetts „Die Mütter“

Britt Bennetts „Die Mütter“ erschienen im Rowohlt-Verlag April 2018

Brit Bennett wird als die neue, junge Toni Morrison bezeichnet. Letztere ist Nobelpreisträgerin und eine der erfolgreichsten afroamerikanischen Autorinnen, welche sich in ihren Werken mit den Themen Rassismus, Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft sowie Kampf um Gleichberechtigung auseinandersetzt. So thematisiert auch Brit Bennet in ihrem Debüt benannte Problemfelder. Sind die beiden Autorinnen miteinander vergleichbar? Falls ja, inwiefern und worin unterscheiden sie sich dennoch? Da ich Toni Morrison eine beeindruckende Autorin finde (Rezension zu „Gott, hilf dem Kind“) , war ich umso gespannter auf das Debüt einer möglichen Nachfolgerin.

 

Die Mütter Brit Bennett Sommerlektüre
Brit Bennetts „Die Mütter“

 

Inhalt

„Mütter“, so nennen sich die alten Frauen der kalifornischen Gemeinde Oceanside. Sie scheinen im Hintergrund, aber behalten von dort aus alles im Blick, was in ihrer Gemeinde geschieht – Das betrifft auch das junge Mädchen Nadja, das ihre Mutter bereits als Teenager verliert, als diese Selbstmord begeht. Außerdem verliebt sie sich in den Pastorssohn Luke.

Elise war sechzehn, als sie ihre Tochte Nadja zur Welt brachte. Als sich scheinbar das Schicksal ihrer Mutter wiederholt und auch Nadia mit sechzehn schwanger wird, beschließt sie das Kind abzutreiben. Sie weiß, wie schwer es Mädchen ihrer Herkunft und Hautfarbe haben. Und ein Gedanke beschäftigt Nadja nach dem Suizid ihrer Mutter immer wieder: Hat sie Schuld am Tod ihrer Mutter? Luke unterstützt Nadia finanziell, trennt sich aber von ihr. Trost findet Nadia bei ihrer Freundin Aubrey, die Schutz in der Gemeinde sucht, als sie den Kontakt zur Mutter abbrechen will.

Kritik

Die alten Frauen der Gemeinde, „die Mütter“, scheinen namensgebend für den Titel des Buches zu sein, indem ihre Beobachtungen stetig aufgegriffen werden. Sie beobachten weise und haben die Geschichten wie die von Nadja, Luke und Aubrey so oder so ähnlich oft erlebt.

In „die Mütter“ geht es für mich aber vor allem um Zweierlei: Zum einen wird in dem Roman die Frage nach Chancengleichheit in Amerika aufgegriffen, betreffend der Herkunft und Hautfarbe sowie Chancen von Frauen allgemein, sobald sie jung Kinder bekommen. Ist ihr Leben vorgezeichnet? Gibt es nur ein entweder Familie oder Karriere, den amerikanische Frauen wählen müssen? Und wie hängen diese beiden Themen miteinander zusammen? Welche Chancen haben farbige junge Mütter?

Es ist zum anderen weiterführend das Thema Mutterschaft, welches sich als roter Faden durch den Roman zieht. Nadia vermutet, dass Elise ein Leben mit beruflicher Zukunft verwehrt blieb, weil sie jung Mutter wurde. Nadja zieht ihre Konsequenzen daraus. Im Laufe ihres Lebens wird sie jedoch immer wieder von der Abtreibung eingeholt und damit konfrontiert, wie ihr Leben aussehe, wenn sie Mutter geworden wäre.

 

Brit Bennett Die Mütter 2
Bennetts Debüt über Fragen der Chancengleichheit

Da die Autorin der Problematik großen Raum gibt, dass man später Abtreibung bereuen könnte, entstand für mich zuerst der Eindruck, Abtreibung sei für sie verwerflich. Natürlich sollten junge Mädchen beraten werden und diese Entscheidung nicht leichtfertig treffen. Persönlich finde ich es dennoch wichtig, dass jede Frau selbst über ihren Körper und Leben entscheiden darf. Zum anderen wird die Intention von Brit Bennett für mich im Verlaufe der Geschichte klarer: Ihr Ziel ist es wohl, Abtreibung dahingehend objektiv-kritisch zu betrachten, dass viele Frauen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe befürchten, mit einem Kind keine beruflichen Chancen und damit auch keine hoffnungsvolle Zukunft mehr zu haben. Das sollte kein Beweggrund für Abtreibung sein. Diese Ängste und Befürchtungen existieren allerdings nicht ohne Grund: In unserer Gesellschaft beeinflusst Herkunft häufig noch unseren Werdegang im Lebens bezüglich Zugang zu Bildung oder beruflichen Chancen. Chancengleichheit ist folglich auch heutzutage alles andere als selbstverständlich, ein Problemfeld, das Brit Bennett mit ihrem Roman wesentlich aufzeigt.

Brit Bennett gelingt ein sehr lesenswerter Roman, der das Thema Herkunft kritisch betrachtet und die Frage nach Chancengleichheit nicht nur einseitig darstellt, sondern im Hinblick auf das Thema Mutterschaft vielschichtig umreißt.

Fazit

Brit Bennett greift die Themen Herkunft, Chancengleichheit und Gleichberechtigung ähnlich meisterhaft wie Toni Morrison auf und verpackt diese in einen emotionalen, mitreißenden Roman. Ihr Schreibstil ist wortgewandt und dennoch leicht, sodass ich schneller mit ihrer Erzählart als der von Toni Morrison warm wurde. Britt Bennetts Roman liest sich nicht wie ein Debüt. Das ist mit ein Grund, weshalb ich „Die Mütter“ als eines von zwei meiner Belletristik-Highlights des ersten halben Jahres 2018 gekürt habe.

 

 

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