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Auf der Flucht – Sechs Koffer von Maxim Biller, eine Rezension

Sechs Koffer von Maxim Biller erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, im August 2018

Am 09. November 1989 – und damit nur noch knapp ein Jahr vom 20. Jubiläum entfernt – fiel die Berliner Mauer. Ein Jahrestag, der immer noch Gänsehaut auslöst, sobald man darüber nachdenkt und spricht. Das geht selbst mir so, die zwar noch in der ehemaligen DDR geboren ist, aber sich sonst nicht daran erinnern kann. Dieser Tag bedeutete ein wesentlicher Wendepunkt für die deutsche Gesellschaft, die zum einen plötzlich wiedervereint war, zum anderen aber auch vor den politischen und sozialen Herausforderungen dieser Zusammenführung stand.

Allerdings hatte es nicht nur für die deutschen Bürger Auswirkungen, sondern auf den gesamten Ostblock. Seit der deutschen Wiedervereinigung stieg die Zuwanderung von Juden der Sowjetunion nach Deutschland stark an. Am 12. April 1990 hatte die letzte und frei gewählte Volkskammer der DDR verkündet, verfolgten Juden politisches Asyl zu gewähren. Daraufhin kamen im Sommer 1990 etwa 3000 sowjetische Juden in die DDR.

Sechs Koffer Rezension

Maxim Biller schreibt mit „Sechs Koffer“ einen vielschichtigen Roman über die Fluchtgeschichte einer jüdischen Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland in sechs Perspektiven:

Inhalt

Sechs Koffer ist ein Familiendrama. Es ist die Geschichte einer Familie, deren Familienmitglieder von Russland nach Tschechien gingen, um jeweils in unterschiedlichen Abständen, nach Deutschland zu emigrieren. Sie sind jüdischer Herkunft und gelten damit als verfolgte und unterdrückte Minderheit in der Sowjetunion. Bis in die Gegenwart bleibt eine wesentliche Frage aus: Als der Großvater denunziert und schließlich gehängt wurde, wer hat ihn verraten?

Der Ich-Erzähler wächst mit der Geschichte mit. Außerdem scheint er allwissend, da er erzählerisch rückblickend die unterschiedlichen Perspektiven darstellt. Durch seine Recherchen und Nachfragen bei den Betroffenen, wer am Tod des Opas schuld haben könnte, werden die verschiedenen Biographien, sechs an der Zahl, die seines Vaters, Mutter, der Onkel Lev, Wladimir, Dima und Natalia, die Frau von Dima und Exfreundin des Vaters beleuchtet. Welche Gründe und Motive am Verrat des Großvaters könnten die Protagonisten haben, um Schuld am Tod des Großvaters zu sein? Un wie geht der Ich-Erzähler damit um?

Kritik

Das Familiengeheimnis zieht sich als roter Faden durch den Roman und bewirkt eine besondere Kohärenz zwischen Familiengeschichte und politisch-historischen Hintergründen, die durch die unterschiedlichen Perspektiven aufgemacht werden.

Maxim Biller gelingt auf nur 198 Seiten ein emotionaler Roman, der uns die Fluchtgeschichte der jüdischen Russen durch die sechs Perspektiven in besonderer Weise näherbringt. Es ist ein Roman mit autobiographische Zügen (wie viel genau bleibt unklar, doch wird diese Annahme dadurch bestärkt, dass der Ich-Erzähler Maxim heißt und der Familienname Biller fällt).

Die sechs Biographien könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch vereint sie ein wesentlicher Aspekt: Mit „Sechs Koffer“ zeigt der Autor die Sehnsüchte auf, die bei den damaligen Betroffenen entstanden, doch mitunter nicht erfüllt wurden. Es ist ein Buch, das beweist, dass Flucht auch immer eine Suche nach einem Zuhause bedeutet und einem mit dem ständigen Kampf zwischen Heimat und Wahlheimat konfrontieren kann und das auf ganz unterschiedliche Weise. Es zeigt zudem, wie stetig Religion und Politik korrelieren und unsere Geschichte beeinflussen.

Maxim Biller Sechs Koffer frontal

Die Fluchtgeschichten ehemaliger DDR-Bürger nach Westdeutschland sind uns präsent. Aber die Fluchtgeschichte vieler jüdischer Bürger der Sowjetunion?

Fazit

Wenn wir uns mit der deutsch-deutschen Teilung auseinandersetzen, sollten wie nicht immer nur in nationalen Grenzen denken, sondern auch den Einfluss auf den ganzen Ostblock betrachten. Meine Empfehlung dazu: Sechs Koffer, ein Roman, der nachwirkt.

Meiner Meinung nach wurde der Roman entsprechend nicht ohne Grund auf die diesjährige Shortlist zum Deutschen Buchpreis nominiert. Für mich war es sogar ein Favoriten-Buch.

Weitere Buchempfehlung zum Thema: Bücher von Wladimir Kaminer wie Russendisko und Ich bin kein Berliner .

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