Rezensionen ·Romane + Erzählungen

Roman oder Realität? Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Der Autor von „Er ist wieder da“ ist wieder da

Erschienen im September 2018 bei Eichborn

Timur Vermes: Autor von „Er ist wieder da“, gelingt es erneut, in seinem neuen Roman schonungslos zu sein und zu erschüttern. Sein Ziel scheint, uns den Spiegel der Realität vorzuhalten und uns zum Nachdenken anzuregen. Denn dieses Buch könnte (mal wieder) in seiner gesellschaftlichen Brisanz nicht aktueller sein. Unsere Realität: politischen Entscheidungsträgern wollen Ländergrenzen abschotten, um keine Flüchtlinge ins Land zu lassen, in Deutschland allen voran Seehofer und die AfD und das vor allem als Meinungsmache. Donald Trump will mit aller Macht und unabhängig von Konsequenzen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Er würde dafür im Zweifel den Notstand aussprechen, um den Senat zu übergehen, der dem Haushalt diesbezüglich nicht zustimmen will. Man fühlt sich im Moment wie in einem falschen Film, wie in einem Roman, der die Realität zwar abbildet, aber überspitzt. Timur Vernes Buch ist überspitzt und wirkt dennoch so real, aktuell und hoch politisch.

IMG_20190126_142903_988 (1)
„Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vernes

Inhalt

Nadeche Hackenbusch, Starmoderatorin der Kategorie C-Prominenz soll in die Dritte Welt, genauer nach Afrika an die Grenze zu Europa reisen, wo das größte Flüchtlingslager der Welt liegt. Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt. Europa hat seine Grenzen gänzlich abgeschottet. Es wurden Abkommen zu Nachbarländern geschlossen, um jegliches Einreisen von Flüchtlingen zu verhindern. Schlepper anzuheuern ist unbezahlbar und „Luxus“ geworden.

Nadeche Hackenbusch soll für ihren Fernsehsender Mai TV vor Ort als Reporterin berichten, um für mehr Schlagzeilen und Einschaltquoten zu sorgen. Doch die Umstände der Füchtlinge und ihre prekäre Situation bewegen sie und ihr Fernsehteam, sodass sie nicht mehr nur distanziert davon berichten können und die Moderatorin emotional involviert wird. Nadine Hackenbusch will helfen und etwas ändern. Diese Gelegenheit nutzt Lionel, der „Quotenflüchtling“ der Dokumentationssendung „“. Als das Innenministerium von der Brisanz Wind bekommt und möglichen Folgen für die innenpolitische Sicherheit befürchtet, übt es Druck auf MyTV aus. So will der Sender die Sendung einstellen. Doch da passiert etwas Unglaubliches. Lionel bringt Nadeche Hackenbusch zu einem Plan, mit 150.000 anderen Flüchtlingen zu Fuß nach Europa zu wandern. Der Fernsehsender reagiert darauf und verfolgt die Wanderung exklusiv. Doch bleibt diese Aktion nicht folgenlos, weder medial noch politisch….

Kritik

Der Titel des Romans soll meines Erachtens betonen, wie wir in der Gesellschaft durch die Geflüchteten-Thematik festlegen, wer das „Wir“ und „das Fremde“ ist, wer Privilegien genießen darf und wem sie verwehrt werden. Dunja Hayali beschreibt es treffend in ihrem Sachbuch „Haymatland“ (2018), welches ich gerade lese, sodass ich unmittelbar in diesem Zusammenhang auch an „Die Hungrigen und die Satten“ denken musste: „Sie legen fest, wer das Volk ist und nur wer dazugehört, wird auch beschützt. […] Es gilt: Erst wenn wir richtig satt sind, können wir auch denen etwas abgeben, die Hunger haben, falls wir dann noch Lust haben. Wir entscheiden, was gut für alle ist“ (S. 130-131).

Ehrlich gesagt, ist es sonst eine wahre Herausforderung, Timur Vernes‘ Neuerscheinung zu rezensieren, da ich am liebsten über das Ende der Geschichte sprechen und es mit euch diskutieren wollen würde. Es ist für mich der Kern des Romans, die Moral. Ich möchte es dennoch versuchen: „Die Hungrigen und die Satten“ spielt in einer nahen Zukunft, die derzeitige Entwicklungen zuspitzen soll. Doch letztendlich ist das in dem Roman angesprochene Szenario gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt. Europa schottet sich schon jetzt ab. Die Route über Westafrika auf die Kanaren sowie die Balkanroute sind nahezu geschlossen. Die Route über das Mittelmeer ist gefährlich geworden.

IMG_20190126_143015_749
Timur Vernes schrieb auch „Er ist wieder da“

Timur Vermes hat es bereits in „Er ist wieder da“ bewiesen: Anfangs unterhält er mit Ironie, Sarkasmus, sodass man zum Lachen gebracht wird und durch den Humor auf eine naiven Weise an die Geschichte herangeht, sodass man die verheerenden Folgen erst zu spät „kommen sieht“. Man fühlt sich in „Die Hungrigen und die Satten“ wie bei der versteckten Kamera, in etwa wie bei der Volksabstimmung zum Brexit oder wie bei der US-Wahl von Donald Trump. Man erahnt die Konsequenzen nicht bzw. will sie nicht wahr haben, weil sie so absurd und ungeheuerlich wirken. Doch das Buch bildet mehr die Realität ab, als wir zugeben wollen.

Den Roman habe ich sowohl gelesen als auch gehört. Das Buch kaufte ich kurz nachdem es erschien, da ich „Er ist wieder da“ bereits liebte und unbedingt nun die Neuerscheinung des Autors lesen wollte. Dann wurde mir allerdings das Hörbuch,, vorgelesen von Christoph Maria Herbst, empfohlen. Ein Glück ist es auf Spotify inklusive, sodass ich beschloss, das Buch gleichzeitig zu lesen und zu hören. Dem Schauspieler gelingt es, den Text mit pointierten Dialogen durch verschiedene Stimmen bildhaft und mit Ironie in seiner Sprechart so unglaublich unterhaltsam umzusetzen, dass ich es letztendlich zum größeren Teil hörte (normalerweise bin ich eher der Leser). Dennoch kann ich beides sehr empfehlen.

Fazit

Mit „Die Hungrigen und die Satten“ ist ein satirisches Meisterwerk gelungen. Es sollte meiner Meinung nach von allen politischen Entscheidungsträgern dieser Welt gelesen werden, weil es wachrüttelt: aber auch von allen, die sich für das Thema Flüchtlinge und Migration interessieren und nicht mit Politikverdrossenheit reagieren wollen. Ihr seid es leid, was in der Politik passiert? Dann empfehle ich das Buch auch, um zu verstehen, weshalb es dennoch wichtig ist, nicht zu resignieren. Timur Vermes transportiert trotz oder gerade durch seinen Sarkasmus eine wichtige Botschaft, nämlich an demokratischen Prozessen teilzuhaben und vom eigenen Recht der politischen Mitgestaltung und Mitwirkung Gebrauch zu machen. Und nicht per se Ländergrenzen abschotten zu wollen.

 

2 Gedanken zu „Roman oder Realität? Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

    1. Oh vielen Dank für den Hinweis! Ich bin wohl schon mitten im Jahr 2019 angekommen, haha. Es wurde direkt geändert. Ich bin auf deine Meinung gespannt.

Kommentar verfassen