Rezensionen ·Sachbücher

Eine toxische Vater-Tochter-Beziehung? – Rezension zu „Beifang“ von Lisa Brennan-Jobs

Rezension zur Autobiographie von Lisa Brennan-Jobs, der Tochter von Steve Jobs, erschienen im September 2018 im Berlin-Verlag

Zum Buch auf der Verlagsseite

Ein Mann, der den amerikanischen Traum symbolisiert, ist wohl Apple-Mitbegründer und langjähriger CEO Steve Jobs. Er kam aus schlichten Verhältnissen und sollte zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein: Er revolutionierte mit Macintosh die Technologie-Industrie privater Haushalte. Später wurde er unter anderem auch Geschäftsführer der Filmproduktionsfirma Pixar und nach einer Fusion Einzelaktionär der Walt Disney Company.  Abgesehen davon  wusste ich allerdings, bevor ich „Beifang“ las, nahe zu nichts über das Unternehmer-Genie. Wer steckte also hinter all den technischen Entwicklungen? Wie war er als Person, Steve Jobs?

Die Autobiographie „Beifang“ von Steve Jobs‘ Tochter Lisa Brennan-Jobs beschreibt neben ihrem eigenen Erwachsenwerden und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit vor allem auch ihre Beziehung zu ihrem berühmten Vater. Er verleugnete seine Tochter jahrelang. Später sollte Lisa bei ihm wohnen und seinen Namen annehmen…

Beifang: Lisa Brennan Jobs, Rezension
„Beifang“ Die Autobiographie von Lisa Brennan-Jobs

 

Inhalt

Lisa Brennan-Jobs beginnt in ihrer Kindheit. Sie beschreibt vorerst ihre enge Beziehung zu ihrer Mutter und wie es ist in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachen. Der Vater entspricht zu dem Zeitpunkt nur eher einem Namen aus den Erzählungen ihrer Mutter. Die Mutter als Künstlerin ist wiederum auf die finanzielle Unterstützung ihres Exfreundes und Vater von Lisa, Steve Jobs, abhängig: auf diesen Mann in der Ferne.

Steve ist launisch. Es hängt so letztendlich von seinen Launen ab, ob er sie und seine Tochter unterstützt oder nicht. Ähnlich verhält es sich in seiner Beziehung zu Lisa, ob er sie sehen möchte. Er lässt, als Lisa noch ein Kleinkind ist, ohne einen stichhaltigen Grund einen Vaterschaftstest machen. Und obwohl dieser ein eindeutiges Ergebnis zeigt, bekennt er sich lange nicht zu seiner Vaterrolle. In einem Alter von vier Jahren beginnt er ab und an Lisa zu besuchen und mit seiner Tochter Rollschuh zu fahren. Einerseits kommt er ihr fremd vor, da er sich wie ein entfernt bekannter Onkel verhält. Anderseits fasziniert sie der scheinbar Fremde und gleichzeitig so Vertraute. Sie ist stetig bestrebt, ihm zu gefallen und sehnt sich nach der Vaterliebe. Es ist eine Sehnsucht, die sie ihr ganzes Leben begleiten soll. Selbst als sie sich später in der College-Zeit mit ihrer Mutter streiten und zu ihrem Vater und seiner neuen Familie ziehen soll, ist es immer eine Frage der Launen ihres Vaters, wie eng sie miteinander verbunden sind: Mal ist er distanziert und abweisend, ein andermal wieder ein liebevoller Vater.  Während ihrer Zeit in der Universität soll der Kontakt wieder lange abbrechen…

Kritik

„Du integrierst dich nicht ausreichend in die Familie“ ist ein Satz, den Steve Jobs regelmäßig fallen gelassen haben soll. Am liebsten hätte ich ihn in diesen Momenten angeschrien: „Sieht du nicht, dass deine Tochter alles für dich tun würde? Am liebsten hätte ich auch Lisa geschüttelt und gesagt: „Warum lässt du dir das gefallen, wenn du doch alles für ihn tust!“

Als mir der Verlag die Ankündigung zum Buch schickte, wurde ich neugierig.Das künstlerisch gestaltete Cover verspricht bereits, dass es sich um eine Autobiographie der besonderen Art handeln würde. Noch dazu lädt der Titel zum Interpretieren ein. Die Definition von Greenpeace zu Beifang: „In vielen Fischereien gibt es Beifang. Das heißt, dass außer den Zielarten andere Arten ungewollt mitgefangen werden. In den meisten Fällen werden diese dann tot oder sterbend ins Meer zurückgeworfen.“ Lisa bezeichnet sich als Beifang für ihren Vater. Sie war nicht geplant. Sie ist also bildlich gesehen eher ungewollt mit ins Netz geschwommen und hängt dort fest. „tot oder sterbend ins Meer“ klingt drastisch, kann man aber diesbezüglich interpretativ so verstehen, dass es sich zeitweise eher um eine toxische Beziehung zwischen Tochter und Vater handelt.

Beifang Lisa Brennan-Jobs Rezension, Bild 2
Eine Autobiographie der Tochter von Steve Jobs, Apple-Mitbegründer

Am Anfang ist es nicht gleich ganz leicht, in das Buch hineinzukommen. Es ist in einem einfachen Schreibstil gehalten und fokussiert sich auf die Beziehung von Lisa zu ihrer Mutter. Doch handelt es sich ja auch um die Biographie von Lisa, in der Steve Jobs als Vater jahrelang nicht präsent sein sollte. Zudem erweist es sich als sprachliches Stilmittel, dass durch die Perspektive Lisas auch die Sprache im Laufe ihrer Entwicklung anspruchsvoller und erwachsener wird. Man fühlt sich entsprechend immer mitgenommen in die jeweilige Gedankenwelt der Lisa, um die es in den einzelnen Entwicklungsstadien ging. Als Kind dachte sie naiver, kindlicher – später wird sie reflektierter und selbstbewusster.

Man erhält neben ihrer Gedankenwelt auch einen tiefen Einblick in die Person und den launischen Charakter ihres Vaters und damit von Steve Jobs, einem berühmten, erfolgreichen Geschäftsmann sowie in die stetig wechselnde Beziehung von Distanz und Nähe zwischen Vater und Tochter. Jedoch zeigt die Biographie auch einen Einblick, was die Herausforderungen einer alleinerziehenden Mutter in den achtziger bis neunziger Jahren betrifft. Lisa steht stetig zwischen den Stühlen, zwischen einer engen Beziehung zu ihrer Mutter, die aber von vielen Streits geprägt ist sowie der unbeständigen Beziehung zu ihrem Vater, dessen Aufmerksamkeit sie aber stets auf sich zu ziehen versucht.  Der Schreibstil des Buches und der tiefe Einblick in die Gedankenwelt einer Tochter, die sich nach Vaterliebe sehnt (eine allzu verständliche Sehnsucht) lassen einem den Eindruck geben, ihre Biographie sei ein Roman. Denn Lisa Brennan-Jobs beschreibt Situationen ihrer Kindheit und Jugend sehr detailliert, anschaulich sowie emotional und mit Tiefgang. Die Vielseitigkeit der angesprochenen Themen und die tiefgründige Weise der Darstellung von Gefühlen der Beteiligten in dem Leben von der Autorin machen die Biographie besonders.

Und obwohl man zu Beginn das Buch wohl ehrlicherweise eher in die Hand nimmt, um mehr über die Persönlichkeit von Steve Jobs kennen zu lernen, so fasziniert einen immer mehr die Persönlichkeit Lisas und will sie als starkes Mädchen kennen lernen, wie sie sich entwickelt und emanzipiert von ihrem Vater, einem unternehmerischen Genie aber auch sozial inkompetenten Menschen. 

Fazit

„Beifang“ ist eine sehr gelungene, authentische und mitreißende Biographie von Lisa Brennan-Jobs. Allerdings ist es kein Buch, was man lesen sollte, wenn man mehr über den beruflichen Werdegang von Steve Jobs erfahren möchte, da dieser nur im Hintergrund erwähnt wird. Die beruflichen Etappen bilden vielmehr Orientierungspfeiler, um zu verstehen, wo man sich im Leben von Lisa und Steve gerade befindet. Es ist ein Buch, mit dem man zum einen den Charakter von Steve Jobs und somit den Menschen hinter seinen beruflichen Errungenschaften verstehen lehren kann. Dieser Charakter von Steve Jobs wird aber immer im Hinblick auf die Beziehung zu seiner Tochter beleuchtet, da sie es aus ihrer Sicht schreibt – als Biographie ihres eigenen Lebens. Es ist eine Autobiographie einer starken Frau! Und sie ist ein Glück ihren eigenen Weg gegangen. Als er sie an seinem Sterbebett fragte, ob sie über ihn schreiben werde, hat sie klug geantwortet: „Nein“. Denn es ist ihre Geschichte, in der er zufällig auch vorkommt.

Vielen Dank an den Berlin Verlag für die Zusendung des Rezenionsexemplars! (Dies hat mich weder in meiner Meinung noch Urteil beeinflusst.)

Kommentar verfassen