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„Super, und dir?“ von Kathrin Weßling: Zwei Rezensionen im Vergleich

Ein Roman über Selbstverwirklichung, Scheitern und Depressionen, erschienen bei Ullstein Buchverlage

Zum Buch auf der Verlagsseite

Es sind die Scham und Angst, sich und anderen Depressionen einzugestehen. Viele glauben zu versagen und unerlaubt Schwäche zu zeigen, sobald sie über ihre Probleme reden. Eine besondere Herausforderung ist es außerdem, eine Depression von außen zu erkennen, vor allem wenn sie nicht offensichtlich erscheint und es so wirkt, als würde es den entsprechenden Personen eigentlich ganz gut gehen. Kathrin Weßling zeichnet eine solche Protagonistin, bei der alles perfekt scheint und genau deshalb ihre Probleme niemand erkennt…

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„Super, und dir?“: In sozialen Medien retuschiert Marlene gern an ihrem Erscheinungsbild… (Foto: Jennifer Hahn)

Jennifer von Lesen aus Leipzig und ich haben beide das Buch gelesen, aber auf sehr verschiedene Weise. Wie und warum verraten wir euch in unseren beiden Rezensionen im Vergleich:

Buchinhalt

Marlene Beckmann ist intelligent, Jahrgangsbeste in der Schule und studiert irgendetwas mit Medien. Nach ihrem Abschluss ergattert sie DEN Job, den sie schon immer haben wollte in DER Firma, für die sie schon immer arbeiten wollte: und zwar als Volontärin in der Social Media Abteilung. Es scheint alles perfekt bei Marlene und das nicht nur beruflich. Sie hat zudem eine schöne, funktionierende Beziehung mit Jakob, ist sportlich und beliebt. Sie arbeitet viel. Nach Feierabend bemüht sie sich fit zu bleiben, in ein Fitnessstudio zu gehen und sich gesund zu ernähren. Sie macht alles das, wovon sie glaubt, dass es dazu gehöre, um glücklich zu sein. Jedoch ist sie sich manchmal nicht sicher, ob sie damit wirklich glücklich ist. Zur Selbstbestätigung macht sie Selfies von ihrem Leben und postet sie in den Sozialen Netzwerken. Die Likes sind ihr Lob. Aus einer Line werden mehrere, hier mal eine Pille, da mal eine Mischung aus Amphetaminen und dann noch ein Glas Alkohol dazu. Marlenes super Leben soll aus den Fugen geraten.

Selbstoptimierung als gesellschaftlicher Abgrund

Kathrin Weßling zeigt, wie gefährlich es ist, Probleme zu verharmlosen. Depressionen und genauso Drogenprobleme sollten ernst genommen werden, egal wie gebildet und wohl situiert die Betroffenen scheinen. Das Buch veranschaulicht, welche Abgründe unsere vermeintliche Gesellschaft der Selbstoptimierung haben kann. Man sucht nicht nur den erfüllenden Job, sondern arbeitet auch an der eigenen Figur oder versucht gesund und ausgeglichen zu leben. In den Sozialen Netzwerken werden Fotos dazu gepostet und Filter darüber gelegt. Ziel ist es, der Welt zu zeigen, wie glücklich man ist und lebt. Vermeintlich. Denn es ist nur ein Filter der über das Leben gelegt wird, Die Protagonistin Marlene ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man mit dem Tempo der Gesellschaft nicht mehr mithalten kann, es aber nicht zugeben möchte und abdriftet.

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Hier eine Line Koks mehr, da ein Glas Alkohol zu viel. Wie man versucht, Depressionen zu ertränken, zeigt Kathrin Weßling (Foto: Jennifer Hahn)

Eine Protagonistin ohne Einsicht

Trotz der interessanten Thematik, kratzt das Buch für mich letztendlich nur an der Oberfläche. Die Protagonistin, aber auch ihre Umwelt scheinen nicht einsichtig und bleiben beim „Super und dir?“, selbst nach Feststellung einer Diagnose. Marlene bleibt in den Zwängen der Gesellschaft gefangen und verliert in ihrem Charakter an Tiefe. Die Hintergründe aus Marlenes Kindheit scheinen zudem zu vorhersehbar und klischeehaft: Eltern, die sich trennen, Alkoholismus in der Familie. Zwar müssen tatsächlich oft genug Kinder deshalb zu früh erwachsen werden und werden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung wesentlich gestört. Aber gerade deshalb hätte ich mir eine Marlene Beckmann gewünscht, die das selbst erkennt, wütend wird und an ihrem Scherbenhaufen arbeitet, da sie doch als so intelligent dargestellt wird.

Die Sprache ist derb und veranschaulicht die Intention der Autorin, eine derbe Geschichte über die Realität darzustellen, als wolle sie sagen: Lasst uns gemeinsam die Augen öffnen. Und genau deshalb habe ich das Buch schlussendlich auch zu Ende gelesen. Es verstört zwar, ist sprachlich fast etwas zu derb und geht für mich genauso wenig in die Tiefe wie der dargestellte Charakter der Protagonistin. Kathrin Weßling zeigt aber mit einer ehrlichen Art und Schreibweise die Herausforderungen, unserer Gesellschaft stetig standhalten zu müssen und dem Selbstoptimierungswahn nicht zu verfallen: Die Autoren behandelt ein wichtiges Thema, was allerdings noch mehr hätte ausgeschöpft werden können.

Mein Fazit

Kathrin Weßlich schreibt direkt und einfach und das ganz bewusst. Sie stellt schonungslos eine Realität dar, die so auch existiert. Obwohl die Geschichte leider nicht viel Neues bietet und mich nicht gänzlich überzeugen konnte, so hat sie eine wichtige Kernaussage: Burn out, Depressionen und Drogenabhängigkeit sollten ernst genommen und behandelt werden.

Jennifer schrieb im Gegenzug dazu, warum ihr das Buch so gefallen hat. Diese von uns so gewollte Gegenüberstellung unserer Rezensionen soll zeigen, dass Geschmäcker zum Glück verschieden sind. Bildet euch eure eigene Meinung!

Diese zerstörerische Entwicklung hat nicht nur mit einem einzelnen zu tun, sondern mit der ganzen Gesellschaft. Niemals geht es nur um den Einzelnen, wenn alles, von Arbeit bis Privatleben, sich dem permanenten Vergleich mit anderen und der stets angestrebten Effizienz beugen müssen. Besonders perfide ist, dass man objektiv betrachtet stets zu (gesellschaftlich normiertem) positivem Verhalten konditioniert wird: Die eigene Fitness zu verbessern ist schließlich gut für die eigene Gesundheit. Was kann daran schon negatives sein?“ (Zitat aus Jennifers Rezension)

Hier geht’s zur Rezension.

Das Buch erschien am 02. Mai 2019 als Taschenbuchausgabe.

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