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Vermeintliche Entschleunigung: Eine Rezension zu „Freiraum“ von Svenja Gräfen

„Freiraum“ von Svenja Gräfen, April 2019 bei Ullstein fünf

Raus ins Grüne, Entschleunigung im Beruf, aber auch im privaten Raum sowie Selbstfindung: Das sind die neuen, gesellschaftlichen Trends. Viele arbeiten zwar weiterhin in den Städten und Technik und Fortschritt bleiben essentiell. Aber gerade deshalb fliehen immer mehr Leute in die unmittelbare Umgebung auf’s Land. Sie wollen durchatmen, der Schnelligkeit entfliehen und bewusster leben. Sie sehnen sich nach mehr Achtsamkeit.

Genauso ergeht es auch Maren und Vela aus „Freiraum“:

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„Freiraum“ von Svenja Gräfen

Inhalt

Vela und Maren suchen schon sehr lang nach einer schönen, bezahlbaren Wohnung in der Stadt, jedoch weiterhin vergebens. Deshalb scheint es ein großes Glück als Marens Schwester ihnen anbietet, mit in ihre Kommune auf dem Land zu ziehen. Da sei ein Zimmer frei. Vela und Maren sind überglücklich und überlegen nicht lang. Sie fühlen sich sofort wohl und von Beginn an gut aufgenommen. Es ist immer jemand da. Vor allem Maren liebt es. Vela bemerkt mit der Zeit allerdings, dass eine Hausgemeinschaft nicht immer nur Zusammenhalt bedeutet: Je länger sie dort wohnt, desto mehr versteht sie, dass in der Vergangenheit Fäden zusammenlaufen, die es nicht tun sollten. Die Beziehungen auf engem Raum verflechten sich.

Und dann ist da noch weiterhin der Wunsch bei Maren und Vela, eine Familie zu gründen. Auch das ist kompliziert. Der Kinderwunsch kostet Mühe, da sie erst noch einen Samenspender benötigen.

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Kritik

Ich war von Svenja Gräfens Debüt „Das Rauschen in unseren Köpfen“ begeistert. Entsprechend muss ich zugeben, dass „Freiraum“ für mich eher schleppend begann. Die Beschreibungen der Vorgeschichte, wie Vela und Maren eine Wohnung suchen, und über die Anfangszeit in der Gemeinschaft ziehen sich. Mir fehlten außerdem die Emotionen, die Svenja Gräfen so gut darstellen kann.

Jedoch lohnte sich mein Durchhaltevermögen: Letztendlich bekommt die Geschichte spannende Wendepunkte, sodass sie mich fesselte. Dann tauchte ich auch mehr in die Gefühlswelten der Protagonisten ein. Wie ist es, in einer Kommune zu leben? Ist der Zusammenhalt stärker oder scheint es wie in einem ganz kleinen Dorf, wo schnell Gerüchte entstehen? Wie ist es, als lesbisches Pärchen ein Kind bekommen zu wollen?  Diese modernen Themen greift die Autorin dann spannend auf.

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Sie zeigt, wie einen der vermeintliche Freiraum einengen kann sowohl bezogen auf Raum, Menschen als auch auf Entscheidungsspielräume, die uns heutzutage durch vielfältige Möglichkeiten und Chancen geboten werden. Zudem gelingt es ihr erneut, mit ihrer kunstvollen, melodischen Sprache abzurunden. Svenja Gräfen kann nicht verschweigen, dass sie auch Poetry Slams schreibt.

Fazit

Der Roman hat Startschwierigkeiten, er wirkte zu entschleunigend. Dennoch bekommt die Autorin die Kurve und nimmt einen mit auf’s Land, um frei zu sein, aber auch um zu hinterfragen, wie viel vermeintlichen Freiraum ein Mensch ertragen kann.

Zum Buch auf der Verlagsseite

Rezension zu: „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Svenja Gräfen

 

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