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Nachwendekind und andere Missverständnisse: Ein Kommentar und Buchtipp zum 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer

Ein PERSÖNLICHER Kommentar

09. November 2019, 18:57 Uhr: Ich sitze an meinem Schreibtisch in Hamburg und veröffentliche diesen Kommentar. Heute vor 30 Jahren, im Jahr 1989 exakt um die gleiche Zeit, ereignete sich das wohl berühmteste Missverständnis, was nicht nur einfach zum Fall der Berliner Mauer führte, sondern eine Zeitenwende bedeutete und ein komplettes politisches Systems zu Fall brachte. Das war, als Günther Schabowski mit einem Verhaspler die Grenze für offen erklärte und das sofort und unverzüglich.

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Sind wir ein vereintes Deutschland? Ein Kommentar zum 09. November, 30 Jahre Mauerfall

Günther Schabowski in der Live-Übertragung zur Pressekonferenz der SED: „[…] Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. …Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt… Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich.“

Es ist ein Ereignis, das Gänsehaut auslöst, selbst wenn man es nicht bewusst erlebt hat. So ist es jedenfalls bei mir der Fall: Diese Bilder im Fernsehen, die wahrscheinlich jeder schon einmal gesehen hat, als am 09. November 1989 plötzlich nach diesen Worten von Schabowski Massen zur Berliner Mauer strömten, um den Grenzsoldaten klar zu machen, dass die Mauer geöffnet sei. Tausende Menschen aus Ost und West steigen auf die Berliner Mauer, um miteinander zu feiern.

Und obwohl es nur Bilder aus dem Fernsehen oder Geschichten scheinen, die ich von meiner Familie, Bekannten oder anderen „Zeitzeugen“ hörte, fühle ich mich damit verbunden. Meine Geburtsurkunde beweist es noch: Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert und immerhin habe ich offiziell noch 2 1/2 Jahre in diesem Land gelebt, das es nun seit über 29 Jahren nicht mehr gibt: die DDR. Der Begriff Ostdeutscher/Ostdeutsche wirkt für mich jedoch zu sehr politisch aufgeladen, als dass ich mich gern so bezeichne.

Als der Chefredakteur des SED-Zentralorgans Schabowski also diese oben benannten berühmten Worte vorlas, bekam mein Lebensweg unweigerlich eine Wende, noch bevor ich es bewusst beeinflussen konnte. Nun kann ich es beeinflussen und stehe in einem Zwiespalt zwischen Heimatverbundenheit und diesem Gefühl, was aufkommt, wenn man die sich derzeit entwickelnden politischen Tendenzen in den neuen Bundesländern verfolgt. Ein Rechtsruck scheint einen großen Teil der Bevölkerung im Osten Deutschlands zu übermannen. Zum einen verbinde aber auch ich LEIDER mit meiner Heimat eine gewisse Perspektivlosigkeit, die mich davon abhalten würde, zurückkehren zu wollen. Zum anderen bergen diese Entwicklungen ein Unverständnis, das mich auch wieder davon abhalten würde, zurückzukehren. Leider. Denn wir scheinen immer noch nicht wie ein ganzheitliches Deutschland. Obwohl wir es eigentlich sein sollten. Eigentlich.

Ich habe in den letzten Tagen oft gelesen, dass Leute nach dem Fall der Berliner Mauer glaubten, nach spätestens 10 Jahren würde bestimmt keiner mehr darüber reden. Doch zeigen die eben benannten Entwicklungen, dass es gut ist, dass wie immer noch oder verstärkt wieder mehr darüber reden, inwiefern es weiterhin klaffende Unterschiede zwischen „Ost“ und „West“ gibt und was uns daran hindert, zusammenzuwachsen. Welche Missverständnisse gibt es weiterhin? Und welche Fehler in der Vergangenheit wurden gemacht, die es nun gilt auszubügeln und in der Zukunft zu vermeiden.

Damit wir besser verstehen und miteinander reden können: Gern möchte ich euch ein Buch zu dem Thema DDR und Nachwendezeit vorstellen, mit dem man eine Vorstellung bekommt, was die Probleme der Zeit waren, um ehemalige DDR Bürger zu verstehen, welche Sehnsüchte sie damals und jetzt haben und was vor allem daraus resultierende Probleme in der aktuellen Zeit sein könnten. 

Michael Nasts „Vom Sinn unseres Lebens und andere Missverständnisse zwischen Ost und West“.

Sein Text „Generation Beziehungsunfähig“ führte zur inflationären Erwähnung dieses Begriffs. Für mich ähnelten sich ehrlich gesagt irgendwann seine Texte und Bücher zu sehr, die sich um unsere moderne Gesellschaft drehen, in der kaum noch einer eine dauerhafte Beziehung eingehen zu können scheint und nur noch konsumiert, eben auch in Sachen Liebe. Jedoch muss ich sagen, dass sein neues Buch neue und spannende Impulse bietet:

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Mein neu errungenes Fundstück: Eine Praktika-Kamera aus der ehemaligen DDR, die meine Eltern beinahe verkauft hätten.

Michael Nast war am 09. November 1989 14 Jahre alt. Es sei ein Tag wie der 11. September 2001, sagt er: Jeder kann sich daran erinnern, was er/sie an diesem Abend tat. Aber der junge Michael verschlief diesen Abend, sodass er nur eine vage Erinnerung von diesem Abend habe. Davon abgesehen, ist er aber als Jugendlicher bereits zu großem Teil auch in der DDR aufgewachsen. Er feierte 1989 sogar noch seine Jugendweihe, ein Fest, mit dem man das Erwachsenwerden feiert. In der ehemaligen DDR war es auch ein Ritual, um ab sofort als vollwertiges Mitglied des sozialistischen Systems zu gelten. Zu diesem großen Ereignis bekam jeder DDR-Bürger ein Buch geschenkt, welches Michael Nast strahlend in die Kamera hielt. Die Streitschrift: „Vom Sinn unseres Lebens“. Das Schwarz-Weiß-Foto von ihm sollte ein persönliches Missverständnis werden, als das auch seine Westverwandtschaft einen Abzug davon erhielt, die dadurch entsprechend dachten, dass er überzeugt von dem System gewesen sei. Dabei lächelte er einfach als Jugendlicher in die Kamera. Entsprechend muss ich sagen, dass ich bereits den Titel sehr gut gewählt finde. Zudem kann man durch Nasts Erfahrungsbericht viele Impulse erhalten, wie es war, in der DDR aufzuwachsen. Gleichzeitig wurde der Autor nach der Wende erwachsen und somit formierte sich seine Identitätsstiftung aus zwei gesellschaftlichen Systemen und Lebensweisen. Ich persönlich kann mich zu weiten Teilen mit Michael Nast identifizieren, da auch ich in der Nachwendezeit groß wurde. Darüber hinaus konnte ich von Erlebnissen lesen, die ich „leider“ nur aus Erzählungen kenne. Michael Nast erlebte seine Jugend in einer hochbrisanten Zeit. Gerade aber weil er noch so jung war, greift sein Buch eine Mischung aus subjektiven Erfahrungen, aber auch objektiven Einschätzungen über die DDR auf. Er schlägt einen Bogen von der Vergangenheit zu unserer modernen Gesellschaft: Er demonstriert, wie unterschiedlich die Biographien von „Ost- und Westdeutschen“ sein konnten und wie sehr die Herkunft einen Menschen prägen kann. Gleichzeitig ticken wir letztendlich doch alle als Menschen ähnlich und haben ähnliche Bedürfnisse.

Eine These aus dem Buch als Anschauungsbeispiel:  Konsum war in der DDR aufgrund der Mangelwirtschaft kaum möglich und spielte nach Nasts Urteil zu Folge kaum eine Rolle. „Shoppen gehen“ hätte niemand als Hobby gehabt. Die Leute haben vielleicht dadurch einerseits Luxus mehr geschätzt. Andererseits war nach Nasts Ansicht genau dieser fehlende Konsum mit ein entscheidender Grund, weshalb sich viele auflehnten. Dass dieser fehlende Konsum nachwirkt, merke ich manchmal, wenn meine Familie nichts wegwerfen kann. Oder wenn in den 90ern mein Opa sich tatsächlich gefühlt an jede Schlange anstellte, weil es ja was Besonderes und Günstiges geben könnte. (Funfact: Wir aßen deshalb manchmal die ganze Frühjahrssaison Spargel und Schnitzel.) Konsum war meines Erachtens nach sicher nicht der einzige Beweggrund für die ehemaligen DDR-Bürger, die sich vor allem auch nach politischen Freiheiten, Demokratie und Reisefreiheit sehnten. Dennoch schürte die Mangelwirtschaft diese Sehnsüchte, sodass sehr wohl Konsum eine Rolle spielte. Michael Nast gebe ich aber dahingehend recht, dass Luxusgüter wie ein Fernseher oder Auto sicher mehr geschätzt wurden und wir in unserer modernen Gesellschaft das auch ab und an öfter tun könnten.

(Ich habe übrigens das Hörbuch gehört. Allerdings hätte es noch besser gewirkt, wenn Michael Nast sein Buch selbst eingesprochen hätte, da es ja biographische Züge und persönliche Gedanken aufgreift. Oder zumindest von jemandem mit Berliner Dialekt, den Nast spricht, was meiner Meinung nach authentischer wäre.)

Fazit

Ich bin zwar ursprünglich aus dem „Osten“, aber kann keine Geschichten über den 09. November erzählen, wenn dann höchstens von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Nachwendezeit, so wie man sie als Kind oder Jugendliche weitestgehend erleben kann oder von den Erfahrungen und Erlebnissen, die meine Familie prägte. Sowie von der Anekdote, dass gefühlt jeder im Ostteil Deutschlands das gleiche Kochbuch, die gleichen Badehandtücher im Bad oder vielleicht eine Praktika-Kamera (siehe Foto) hatte. Auch wenn ich mich glücklich schätzen kann, dass ich in dem politischen System DDR nicht mehr aufwachsen musste, so hätte ich gern zumindest die letzten Jahre vor der Wende und unmittelbar danach miterlebt, diesen besonderen politischen Wandel, diesen Zusammenhalt, wenn es darum ging, sich gemeinsam für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Aus eigener Erfahrung etwas erzählen zu können, ist doch noch mal etwas anderes und ich würde es vielleicht auch besser nachvollziehen können.

Die Früchte des Wandels nach der Wende kann ich aufgrund meiner Herkunft dennoch besonders genießen, weil mir bewusst ist, dass meine Biographie einen ganz anderen Weg hätte einschlagen können, wenn es die DDR noch gäbe. Dann könnte ich zum Beispiel nicht in Hamburg leben. Deshalb möchte ich diesen Text zwei besonderen Tagen widmen: Dem 09. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel, und dem 09. November 2019, 30 Jahre später. Es wurden kurz nach der Wende sicher viele Fehler gemacht, vielleicht wurde zu schnell assimiliert, zu schnell ein politisches System den Bürgern der ehemaligen DDR aufgestülpt. Über diese Fehler müssen wir reden. Doch vorher sollten wir heute bitte erst einmal feiern. Prost!

 

 

 

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