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Ausflug in die Dystopie: Rezension zu Helene Bukowskis Debütroman „Milchzähne“

Der Debütroman von Helene Bukowski „Milchzähne“ erschien im März 2019 im Aufbau Verlag

zum Buch auf der Verlagseite

Stellen wir uns eine Welt vor, in der eine kleine Gemeinschaft hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt von Landwirtschaft und Tauschhandel lebt. Dies ist die Welt, in die uns Helene Bukowski entführt. Der Debütroman der 25-Jährigen nimmt uns mit in ein Endzeitflair, was in der aktuellen Klimadebatte, Fridays for Future und brennenden Waldflächen nicht aktueller sein könnte. Gekrönt mit einer Prise Dystopie wird das ganze zu einer scheinbar runden Sache und liefert zumindest genau die richtige Grundlage für graue Tage, an denen uns die Medien Schreckensmeldungen nach Schreckensmeldungen verkünden und der Untergang der Welt scheinbar kurz bevor steht. Ob sich am Ende die Sonne doch noch einen Platz zurück an den Himmel erkämpft, erfährst du in meiner Rezension.

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Helene Bukowski – „Milchzähne“ vor einem von der dystopieartigen Stimmung des Roman inspirierten Hintergrund

Inhalt

Der Nebel verschwindet einfach nicht. Dafür aber die Mutter, für Tage oder Wochen schließt sie sich ein, in das Badezimmer oder in den Kleiderschrank. So lernt die Tochter bereits von früh an für sich selber zu sorgen, da es den Vater nicht (mehr) gibt. Abgeschieden von dem Rest der Welt und nur umgeben von einer kleinen Gemeinschaft leben die beiden also dahin, ihr Rhythmus wird durch den anhaltenden Nebel, ihre Streitigkeiten und die Suche nach Lebensmitteln bestimmt. Der Ort, an dem die beiden leben, wird auf der einen Seite durch einen scheinbar todbringenden Wald und auf der anderen Seite durch einen reißenden Fluss begrenzt. Die Brücke und einzige Verbindung zur Außenwelt wurde bereits vor Jahren abgerissen. Und an dem Tag, als der Nebel sich langsam beginnt zu verziehen und die Tage immer heller und wärmer werden, steht auf einmal mitten im Wald ein kleines Mädchen mit knallroten Haaren. Auf dem ersten Blick erkennt die Tochter, dass die Kleine nicht hier hingehört und will sie beschützen vor der Umwelt und der Gemeinschaft, damit beginnen dann auch die Probleme.

Kritik

Wer schon einmal im Winter in Hamburg gewohnt hat, kann sich ungefähr vorstellen welches Bild der Roman von Helene Bukowski in mir ausgelöst hat. Nicht verwunderlich, da sie sich zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches in einem Moor in einer Niedersächsischen Provinz zurückgezogen haben soll. Diese dunkle, regnerische und theatralische Stimmung zieht sich durch das gesamte Buch und untermalt diese merkwürdigen Mutter – Tochter Beziehung, die vermeintliche Endzeitstimmung sowie das Aufbäumen der Natur. Etwa nach der Hälfte des Buches wird das Wetter immer wärmer und die Sonne kommt hervor. Nun könnte man annehmen das dies die Stimmung hebt, doch statt dessen nähern wir uns dem Höhepunkt des Romans. Hat die Gemeinschaft bis dahin nebeneinander hergelebt, fühlt sie sich nun durch die auftretende Hitze und ungewollte Besucher bedroht. Schlussendlich muss sich die Tochter, Skalde, dann entscheiden, ob sie bereit ist, ihr Leben zu schützen oder sich und Ihre Ideale der Gemeinschaft zu opfern. Ein für mich unnötiger Tod leitet das Finale ein, welches für meinen Geschmack dann jedoch etwas zu kurz kommt und auf ein paar Seite mehr hätte ausgeschmückt werden können. Als besonders gelungen und der Stimmung entsprechend, empfand ich die Erzählform aus der Ich-Perspektive und mit kurzen, in der Form von Schmierzettel ähnelnden Kapiteln.

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frische Blumen heben die Stimmung

Fazit

Zurück bleibt ein Buch, welches mir durch den Plot gut gefällt. Das Szenario ist bildlich sehr gut beschrieben und lässt den Leser direkt eintauchen in eine andere Welt, die durch die derzeitige Tagespresse vermittelt doch nicht mehr so weit entfernt erscheinen mag. Abstriche muss der Roman für mich am Ende dennoch machen. Viel zu kurz und übereilt kommt es mir daher, insbesondere da der Leser auf den Seiten zuvor lange herangeführt wurde. So wirkt es ein wenig überhastet und hätte ein paar mehr Seiten vertragen können, um es noch ein wenig runder zu gestalten: Nichtsdestotrotz, ein gelungener Debütroman der an grauen Wintertagen, in denen uns Schreckensmeldung nach Schreckensmeldung erreicht, eine gute Begleitung darstellt. Stellt sich nur die Frage, ob wir den Untergang der Welt am Ende doch noch aufhalten können oder ob die von Helene Bukowski beschriebene Dystopie Realität wird.

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