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Weder noch: „Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan – Eine Rezension

*Presseexemplar*

„Ich schalte das Deckenlicht ein. Auf mehreren Tischen liegen Papierstapel und Pergamentrollen ausgebreitet. Ich rieche Erde, Ei und Pilz, Holzstaub und altes Tier.“

Dieser erste Satz aus „Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan überzeugte nicht nur mich, sondern hat es auch euch unmittelbar angetan, als ich vor einiger Zeit ein paar erste Sätze aus Büchern vorstellte und ihr euren Favoriten auswählen durftet. Dieser hier gewann. 

Auch inhaltlich sprach mich der Roman unmittelbar an, als ich ihn unter den nominierten Titeln der Longlist des deutschen Buchpreises entdeckte: die Suche nach den Ursprüngen der eigenen Familie, die eine junge Frau unweigerlich bis in die Zeit des ersten Weltkrieges führt, als es zum Genozid an der armenischen Bevölkerung kam – eine (wenn auch schwere) Thematik, die mich schon länger interessiert, aber oder gerade weil ich nahezu nichts darüber weiß. 

Hier sind Löwen Rezension
„Hier sind Löwen“ von Katerina Plodjan

Inhalt

Helen ist eine deutsche Restauratorin, die für eine gewisse Zeit nach Jerewan, Armenien, geht, um neue Restaurations- und Buchbindetechniken zu erlernen, wobei sie u.a. mit der Restauration einer alten Familienbibel betraut wird. Neugierig wird sie diesbezüglich, als sie an den Seitenrändern Notizen entdeckt: wie „Hrant will nicht aufwachen“.

Allerdings gibt es noch einen Grund, weshalb es Helen nach Armenien zieht: Zwar lebt sie in Deutschland und ist ursprünglich in Russland geboren, aber der Ursprung ihrer Familie liegt in Armenien. Aufgewachsen ist Helen mit Geschichten über Kinder in Not, auf der Flucht oder die sterben – Geschichten, die ihr ihre Mutter, die sie ausschließlich Sophie nennt, immer wieder erzählte. Die Mutter bringt sie dazu, nach möglichen Verwandten zu suchen. Nur wo soll Helen bloß damit anfangen?

Da ist auch noch Levon, der Sohn ihrer Kollegin und gleichzeitig Soldat, der es ihr angetan hat. Es ist auch die gleiche Kollegin, die sie mit auf Familienfeiern nimmt und in die Kultur Armeniens einführt. Helen beginnt in die neue Welt einzutauchen. Die Telefongespräche mit ihrem Freund in Deutschland werden weniger und es bleiben immer nur kurze Gespräche.

Zudem beschäftigt sich Helen immer mehr mit der Geschichte rund um die benannte Familienbibel, die sie restaurieren soll. Diese Geschichte wird in unregelmäßigen Abständen durch Einschübe erzählt: Sie handelt von den Geschwistern Anahid und Hrant, die 1915 während des Genozids ihre Heimat Türkei verlassen müssen und unbegleitet auf der Flucht sind. Es lässt Helen nicht los. Während sie auf der Suche nach ihrer eigenen Familiengeschichte ist, begibt sie sich gleichzeitig auf die Suche nach den Ursprüngen der Geschichte rund um das Geschwisterpärchen.

Kritik

Es fällt mir gar nicht so leicht, diesen Roman zu bewerten, auch die bekannten Feuilleton-Medien scheinen sich in ihren Buchkritiken eher uneinig. So kritisiert Jürgen Deppe vom Deutschlandfunk die Durchschaubarkeit bzw. die Erwartbarkeit des Handlungsverlaufs. Fritjof Küchemann von der FAZ lobt wiederum die Vielschichtigkeit der Geschichte.

Katerina Poladjan gelingt zum einen, meiner Meinung nach, ein melodischer, bildhafter Sprachstil, der einen von Seite zu Seite mitnimmt und einen dabei vergessen lässt, dass die Geschichte lange Zeit nur so vor sich hinplätschert. Und das begann mich zum anderen mit der Zeit dann doch langsam zu stören.

Im Fokus liegt zwischenzeitlich Helens Erleben, wie sie die Menschen, die Kultur und die Geschichte Armeniens aufnimmt und sich der Romanze mit Levon hingibt. Durch diese Liaison, aber auch durch die Besuche der Familie ihrer Kollegin erhält man zwar einen Einblick in die Kultur Armeniens und wie tief der Schmerz aufgrund des vergangenen Konflikt in der armenischen Gesellschaft sitzt, bis heute.

Mit der Geschichte über die Flucht des armenischen Geschwisterpaars erfährt man zudem mehr über den Armenienkonflikt selbst, aber leider letztendlich nur in Ansätzen. So kratzt die Autorin also beim eigentlichen Fokusthema, über das ich mir erhoffte mehr zu erfahren, eher an der Oberfläche. In Folge dessen ist der Roman leichter zu konsumieren als erwartet, doch die eigentliche Suche nach den Verwandten von Helen beginnt erst sehr spät Fahrt aufzunehmen. Man muss viel zu lange darauf warten. Letztendlich ist es hauptsächlich der Schreibstil der Autorin, der einen auf all den Seiten dranbleiben lässt. Leider.

Fazit

Es ist eine Geschichte, die mich weder groß enttäuscht, noch wirklich überzeugt hat. Es ist ein Roman, der sich so wegliest und sich dennoch zwischenzeitlich zieht.

Ich empfehle jedem, den Roman auszuprobieren, der im Groben an der Kultur und Geschichte Armeniens interessiert ist oder Lust auf einen literarischen Schreibstil hat. Diejenigen die allerdings zögern, sei gesagt: Letztendlich verpasst ihr (leider) wenig, wenn ihr euch dagegen entscheiden solltet.

Hintergrundinformationen zum Armenien-Konflikt: 

Spiegel: Völkermord an den Armeniern. Streit mit der Türkei. Darum geht es (2016)

Die WELT: Als Armeniens Armee gegen die Türkei zurückschlug (2018)

Vielen Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars, was uns weder in der Meinung, noch Beurteilung beeinflusst hat. 

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