Wie wirklich ist „Das wirkliche Leben“ – Frau Dieudonné?

Ich weiß schon nicht mehr genau, wie ich auf „Das wirkliche Leben“, dem Debütroman von Adeline Dieudonné, aufmerksam geworden bin. Aber seit einiger Zeit tummelte sich die Leseprobe auf meinem E-Reader. Eines Morgens, mit Kaffee in der Hand, nahm ich ihn mal wieder zur Hand und suchte mir die erst beste Leseprobe heraus, die ich finden konnte. Ich weiß noch, dass ich „Das wirkliche Leben“ direkt wieder zur Seite legen wollte, da mich vor allem das graue Cover mit dem pinken Hasen irritierte, aber dennoch besann ich mich, zum Glück, in diesem Moment und begann zu lesen.

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„Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné

Inhalt:

Der Roman spielt in einer Reihenhaussiedlung, der „Demo“, in welcher die Familie, Vater, Mutter zwei Kinder im schönsten Haus der Siedlung wohnen. Sie gelten als privilegiert, haben ein aufblasbaren Swimmingpool hinterm Haus, welches direkt am Waldesrand steht. Die Mutter kümmert sich aufopferungsvoll um die Ziegen und den Garten. Der Vater, ein großer und kräftiger Mann, arbeitet in einem Vergnügungspark. Die Kinder, ein 11 Jahre altes Mädchen und ihr 6-jähriger Bruder spielen im nahen Wald oder erkunden den Schrottplatz um die Ecke. Alles erscheint harmonisch, jedoch ist der Schein trügerisch. Der Vater ist dem Whisky, Fernsehen und der Jagd mehr zugetan als seiner Familie. Ein Zimmer im Haus ist nur für seine Trophäen der letzten Großwildjagden reserviert, niemand darf es betreten. Wenn er kein Geld hat, um Elefanten in Afrika oder Bären in Nepal zu jagen, lässt er seine Wut an der Mutter aus, die dann wochenlang mit blauen Flecken und Blutergüssen durch die Siedlung läuft. Die Geschwister, flüchten sich in ihre eigene Welt und die einzige Freude des Mädchens, besteht darin, ihren kleinen Bruder zum Lachen zu bringen. Eines Sommerabends passiert eine Tragödie, die die ohnehin schon explosive Geschichte in eine andere Dimension katapultiert.

Das original Cover von „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné.
Entnommen von der Seite des Verlags

Rezension:

Jedes Wort an dieser Stelle, würde bereits zu viel verraten und die Spannung des Romans vorwegnehmen. Diese breitete sich subtil und erbarmungslos zwischen den Zeilen aus, kriecht nahezu in jede Pore. Es geht um Gewalt in Familien und um die zerstörerischen Auswirkungen. Sätze wie „Denn das Leben war nun mal eine Ladung Fruchtpüree in einem Mixer und man musste aufpassen, in dem Strudel nicht von den Klingen nach unten gezogen und zerkleinert zu werden.“ bringen mich zum Staunen, Lachen, Weinen und sind dabei verstörend zu gleich. Dieser Satz ist nur ein Beispiel von vielen, denn mit Hilfe von viel schwarzem Humor beschreibt die Autorin den Kampf eines 11-jährigen Mädchens hin zu einem selbstbestimmten Leben. Ihren Namen erfährt der Leser zu keinem Zeitpunkt, doch begleitet man sie in ihrem täglichen Kampf gegen physische und psychische Gewalt. Immer wieder werden ihr Steine vor die Füße geworfen, doch die Rückschläge machen sie nur stärker. So setzt sie sich für ihren kleinen Bruder ein und setzt sich vermehrt gegen ihren brutalen Vater zur Wehr. Das ganze nimmt ein so tragisches Ende, das man es vielleicht schon fast wieder als Happy End bezeichnen könnte.

„Geschichten sind dazu da, alles hineinzupacken, was uns Angst macht. Denn so können wir uns sicher sein, dass es nicht im wirklichen Leben passiert.“

Fazit:

Alleine in Frankreich wird der Roman mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet (Quelle hier) und nicht nur die Pressestimmen sind begeistert. Romy Hausmann, sagte zum Beispiel „Nach kaum einer Seite wusste ich, dass ich diesen Roman lieben würde“ und ganze ehrlich, mir ging es nicht anders. All die Wut, die Adeline Dieudonné auf die Welt und die Kräfte, die sie zerstören wollen, verspürt, kanalisiert sie auf die Hauptfigur, den Vater. Der verzweifelte Versuch des Mädchens, ihren Bruder zum Lachen zu bringen und aus der Dunkelheit zu befreien, ähnelt einem Kampf. Die Luft scheint vor Spannung zu knistern und nach der letzten Seite, die wie eine Bombe platzt, muss ich mich von dem Paukenschlag erst einmal erholen. „Im Leben fressen die Großen die Kleinen“, sagt der Vater an einer Stelle. Fragt sich am Ende nur, wer hier groß und wer klein ist.

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