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Literarisches Sommerbuch: Rezension zu „Offene See“ von Benjamin Myers

Bereits in unserem sommerlichen Couchgeflüster habe ich dieses Buch kurz vorgestellt und empfohlen: Heute stelle ich euch einer meiner absoluten Sommertipps in einer Rezension noch ausführlicher vor. Meiner Meinung nach ist es vor allem etwas für Liebhaber literarischer Romane, die zwar große Themen, aber gleichzeitig Geschichten mit Leichtigkeit mögen: „Offene See“ von Benjamin Myeres, erschienen im Dumont-Buchverlag (März 2020).

„Offene See“ von Benjamin Myers

Inhalt

Robert ist sechzehn Jahre alt und stammt aus einem verarmten Bergarbeiterdorf im Norden Englands. Das Kohlebergwerk ist sein Schicksal und auch seine Zukunft – es ist seine Bestimmung, seinem Vater und Großvater in das Bergwerk zu folgen, auf Lebenszeit. Denn immerhin sind seine Familie und das Dorf davon abhängig. Robert aber liebt vielmehr die Natur, möchte sie entdecken, seine Freiheit leben. Die Beendigung des zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Euphorie in seinem Heimatland England ermöglichen ihm schließlich eine Galgenfrist. Er wird verreisen, die stürmische nordische See kennen lernen und auf eine Reise zu sich selbst aufbrechen.

Nach einigen Wochen Reise erreicht Robert die Ostküste. Als er dort an einem Cottage vorbeikommt und von einem Schäferhund lauthals angebellt wird, da er dessen Revier zu betreten haben scheint, ahnt er nicht, dass dies seine Pläne und vielleicht auch seinen Lebensweg ändern wird. Er lernt die ältere Dame und Freigeist Dulcie Piper kennen, das Frauchen des Hundes namens Butler. Das erste Mal sieht Robert was es bedeutet, im Wohlstand zu Leben. Dulcie zeigt ihm nicht nur, was es für Kostbarkeiten wie Zitronen oder Hummer gibt, sondern eröffnet ihm auch die Welt der Literatur und Lyrik.

Jedoch scheint die selbstbewusste und gebildete Dame aus dem gehobenen Mittelstand auch ein schweres Päckchen aus der Vergangenheit mit sich zu tragen, dem Robert auf die Spur kommen möchte. Sie bleibt schweigsam. Obwohl sie direkt am Meer wohnt, hat sie ihren Garten abgeschottet. Und dann wäre da noch das verlassene Gartenhäuschen, was sie genauso meidet wie das Meer. Robert ist im Zwiespalt, da er einerseits weiterziehen möchte, um die große, weite Welt und die der wundersamen Natur kennen zu lernen, doch die fremde Welt von Dulcie übt genauso eine große Faszination auf ihn aus.

„Offene See“: Meine Sommerbuchempfehlung für Fans des Genres „Literatur“

Kritik

„Offene See“ scheint unaufgeregt. Es sind vor allem zu Beginn die bildhaften Beschreibungen über die Landschaft Englands und die detaillierten Beobachtungen des Protagonisten, die einen zum Weiterlesen bewegen:

„Ich ging durch die Wiesen, die sich zum Meer absenkten, und rostfarbene Pollen hafteten an meinen Hosenbeinen, bildeten ein Muster aus Staubpartikeln, und als ich mit dem Daumen drüberfuhr, hinterließen sie einen Streifen aus Korallenrot, die Farbe einer träge untergehenden Sonne.“

Es ist diese besondere Sicht, die Robert auf die Welt hat. Sie fasziniert. Was die Geschichte jedoch für einen konkreten Handlungsverlauf annehmen wird, ist ungewiss. Nahezu schüchtern, so wie der Protagonist, scheint auch die Geschichte voranzugehen. Erst als Robert die ältere Dame Dulcie kennen lernen soll, nimmt die Geschichte Gestalt an.

Immer tiefer tauchen wir mit Robert in die wundersame Welt der Schönen und Reichen ein, zu einer Zeit, in der Wohlstand alles andere als selbstverständlich ist. Wir tauchen auch in die Welt der Lyrik und Poesie ein, in die Welt der Freigeister. Dulcie ist weder verheiratet, noch scheint sie sich an andere zu der Zeit gesellschaftliche Gepflogenheiten und Pflichten zu binden. Sie ist nicht der Meinung, etwas tun zu müssen, weil man es von ihr verlangt. All die Denkmuster und Ansichten, die Robert von seinem Umfeld und in der Schule eingetrichtert bekommen hat, prallen an Dulcie ab. Sogar für die deutschen Kriegsgegner scheint die Dame etwas abgewinnen zu können:

Und im Grunde gibt es nur wenige Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt: Freiheit natürlich und alles, was sie bedeutet. […] “ Hör auf die Deutschen zu hassen; die meisten sind genau wie du und ich.“

Man fiebert insgesamt mit, ob Robert seinen eigenen Weg gehen wird, trotz ärmlicher Verhältnisse und des scheinbar vorgegebenen Schicksals.

Das Buch spielt kurz nach dem zweiten Weltkrieg und zeichnet ein Bild der damaligen Gesellschaft ab: Ein Bild einer vom Krieg versehrten Gesellschaft, aber auch eine, welche beginnt die Euphorie des Sieges als Motor zu nehmen und die neu gewonnene Freiheit zu genießen. Einerseits scheint das Thema Nachkriegszeit stetig präsent, andererseits bleibt es gleichzeitig im Hintergrund. Die ästhetische, metaphorische Sprache sowie die Zeichnung der Charaktere, mit denen man sich sehr gut identifizieren kann, sollen sichtlich im Vordergrund stehen. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz sowie die Leichtigkeit, die die neu gewonnene Freundschaft zwischen den ungleichen Protagonisten hervorruft, wirkt nach. Auch wenn das Ende zwar letztendlich etwas vorhersehbar ist, so ist der Roman dennoch sehr stimmig und ein literarischer Hochgenuss.

Fazit

Es lässt sich nicht verheimlichen, dass der Autor Benjamin Myers Lyriker ist. Mit „Offene See“ ist ihm nun auch ein poetischer Roman gelungen. Es handelt sich um eine literarische Entdeckung, wie ich sie schon länger nicht mehr gemacht habe. Ich hoffe, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich sage, dass es das perfekte Buch für Liebhaber von Mariana Lekys Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ ist. Denn „Offene See“ ist ähnlich atmosphärisch und zugleich vollkommen in Sprache und Stil.

Zum Buch auf der Verlagsseite

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