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Zwischen gebürtigen Magdeburgerinnen: „Ostbewusstsein“ von Valerie Schönian, ein Interview und Rezension

*Presseexemplar*

Die Autorin und ZEIT-Redakteurin Valerie Schönian kommt ursprünglich aus der Stadt Magdeburg, welche auch meine Heimatstadt ist. Und deshalb wurde ich natürlich sehr neugierig, als ich in Johannes Nichelmanns „Nachwendekinder“ auf ihr Buch „Ostbewusstsein“ als Empfehlung stieß. Diesbezüglich war ich vor allem auf ihre persönliche Sichtweise über die Nachwendegeneration gespannt, die im Fokus ihres Sachbuches steht und der sie, genauso wie ich, angehört.

„Ostbewusstsein“ ist eine Reise nach Magdeburg sowie in weitere schöne Städte im Osten Deutschlands wie (Ost-) Berlin, Jena, Halle (Saale), Leipzig, Görlitz, Chemnitz oder Neubrandenburg, in denen Valerie Schönian auf ihre Interviewpartner trifft. Es ist auch eine Reise der Identitätssuche, für die Autorin aber auch für die Leser. Kommt ihr mit?

„Ostbewusstsein“ von Valeria Schönian

Zum Buch

Valerie Schönian stellt sich in ihrem Sachbuch einige Fragen über die Nachwendegeneration und Ostbewusstsein – über die Wahrnehmung des Ostens im allgemeinen, aber auch über das neue Ostbewusstsein von Nachwendekindern im speziellen. Sie spricht mit anderen, vor allem jungen „Ostlern“, die in der Öffentlichkeit stehen oder innovative Projekte in den neuen Bundesländern initiieren wie z.B. mit dem jungen Politiker und CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, dem Buchautor Lukas Rietzschel oder Benjamin Gruner, der das Kosmos-Festival in Chemnitz mit organisiert.

Die Autorin thematisiert für mich interessante Aspekte, wie z.B. dass es für sie wichtig sei, dass der Osten mit all seinen Unterschiedlichkeiten und Besonderheiten differenziert betrachtet wird. Dass es in Ordnung sei, sich auch als Nachwendekind, als Ostdeutsche_r, zu bezeichnen und ein spezielles Ostbewusstsein zu verspüren.

„Ist es ein Widerspruch, Westdeutsche mitstreiten zu lassen und trotzdem von einem ostdeutschen Wir sprechen zu wollen? Auch von einem Wir der ostdeutschen Nachwendekinder? Ich glaube nicht. Das Wir führt im ersten Schritt zu der Sichtbarmachung, die Bewusstsein schafft bei denen, die nicht von vornherein in dieses Wir eingeschlossen sind. Aber dann können alle mitmachen.“ (S.126)

Zudem mag ich den persönlichen Bezug zu unser Heimatstadt Magdeburg, den ich nun einmal auch sehr gut nachvollziehen kann. Diese Stadt ist ein passendes Beispiel, wie der Osten polarisieren kann, wie er trostlos und pulsierend zugleich wirkt. Der erste Blick aus dem Auto kann verstören, wenn man erst einmal mit einer Skyline von Plattenbauten begrüßt wird. Und wenn dann noch in den Medien in Zusammenhang mit Magdeburg vor allem von Rechtsradikalismus und Arbeitslosigkeit berichtet wird, kann ich nachvollziehen, dass man die Stadt direkt abschreibt. Dabei gibt es viele Magdeburger, die dem entgegnen wollen und die die Stadt mit kreativen Ideen voran bringen wollen – als Tipp kann ich euch zum Beispiel den neuen Podcast „Anhaltspunkte“ empfehlen, mit Interviews zu spannenden Leuten aus Sachsen-Anhalt. Schade, dass Valerie Schönian außer ihre Freunde und Familie keinen Interviewpartner aus Magdeburg dabei hatte. Sehr gefreut hätte ich mich über die Darstellung eines lokalen Projektes.

Valerie Schönian möchte mit ihren sogenannten „Ossimomenten“, wie Rotkäppchensekttrinken oder Plattenbauliebe, eine besondere Sensibilität für den Osten schaffen. Und natürlich liebe auch ich es, „Kling Klang“ von Keimzeit zu singen, eine Band, die weitestgehend nur im Osten bekannt ist. Allerdings lösten diese Schwärmereien manchmal gemischte Gefühle bei mir aus und ließen Fragen aufkommen: Wie positiv darf man über Dinge sprechen, die mit der DDR zusammenhängen und so mit einem Unrechtsstaat verbunden werden können? Könnte ein verklärendes Bild entstehen?

Deshalb drängte sich umso mehr der Wunsch in mir auf, ein Interview mit der Autorin zu führen. Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und ihre Gedankengänge noch besser zu verstehen. Ich freue mich, liebe Valerie, dass du dem Interview zugestimmt hast!:

Interview mit Valerie Schönian

  • Du und ich, wir kommen aus Magdeburg. Was denkst du bzw. wie nimmst du die Stadt bei Heimatbesuchen wahr?

Bei mir setzt das Heimatgefühl immer ein, wenn ich den Magdeburger Dom sehe, darauf freue ich mich jedes Mal. Wenn ich mich dann in die Stadt bewege – und über den Bahnhofsvorplatz hinausgehe (den Fehler machen ja die meisten Durchreisenden, dass sie den Bahnhofsvorplatz mit Magdeburg verwechseln) – dann sehe ich jedes Mal, wie viel sich in dieser Stadt bewegt. Wie Bars schließen, dafür aber woanders wieder andere aufmachen; wie viel gebaut wird. Ich entdecke selbst ständig neue Orte, obwohl ich dort aufgewachsen bin – zuletzt die Milchkuranstalt [ein Biergarten] auf dem Fürstenwall. Gibt es schon einige Jahre, aber ich kannte es noch nicht – ein wunderschöner Ort.

  • Dein Buch heißt „Ostbewusstsein“ Wie definierst du für dich Ostbewusstsein?

Das meint für mich, für Ostdeutsche, drei Ebenen: Erstens, die Bewusstwerdung darüber, dass man ostdeutsch ist und das auch noch mit einem zu tun hat. Zweitens, das Selbstbewusstsein – dass man auch dazu stehen kann, dass das noch mit einem zu hat. Drittens, auch eine Aufforderung – dazu nach außen auch zu stehen, es ganz bewusst zu sein. Was mir aber wichtig ist: Ostbewusstsein können alle haben, auch Westdeutsche. Da meint es dann das Bewusstsein darüber, dass es da dieses Ostdeutschland mit einer eigenen Erzählung gibt.

  • Das stimmt. Der Osten hat eine eigene Erzählung, eine eigene Geschichte. Ostbewusstsein heißt für mich daher auch, sich bewusst mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Aber viele Eltern und Großeltern schweigen. Wie gehen wir als Nachwendegeneration damit um?

Ich glaube: Immer weiter fragen. Und klar machen, dass man erstmal zuhört und offen ist. Was nicht bedeutet, dass man nicht kritisch sein kann. Aber eben auch nicht verurteilend von einem moralischen Podest herab. Ich habe erlebt, dass viele nicht reden wollten, weil sie gedacht haben, ihr Leben hat keinen Platz in der gesamtdeutschen Geschichtsbetrachtung. Weil es bei der DDR immer nur um Stasi oder den Widerstand ging. Wir können ihnen zeigen, dass das nicht stimmt, dass sie ihren Platz haben. 

  • Wenn man Dinge hervorhebt, die gut im Osten waren, wird das oft mit Verklärung gleichgesetzt.Was für eine Meinung hast du zu Ostalgie?

Wenn es dabei darum geht, sich die DDR zurückzuwünschen, sehe ich das kritisch. Wenn Ostalgie meint, aber einfach mal an die schönen Seiten seiner Jugend zurückzudenken, finde ich das in Ordnung – denn die schönen Seiten hatten auch viele. Ich finde, das kann und sollte man anerkennen: dass viele für sich ein gutes Leben führten in der DDR. Gleichzeitig muss man immer wieder klar machen, dass dieses gute Leben für Einzelne mit einem persönlichen Freiraum zu tun hatte, den sie sich erkämpft haben – und nicht mit dem Staat, der undemokratisch war, eine Diktatur. Aber es ist möglich zwischen Leben und Politik zu unterscheiden. 

  • Wenn man erzählt, dass man aus dem Osten kommt, wird man schnell auf Links- oder Rechtsradikalität angesprochen. Woher kommt deiner Meinung nach dieses einseitige Bild über den Osten?

Das hat mit der Medienlandschaft zu tun. Alle überregionalen Zeitungsredaktionen haben ihren Hauptsitz in Westdeutschland; die meisten JournalistInnen sind westdeutsch (wie im Übrigen auch weiß, heterosexuell, in der Chefetage männlich). Das bedeutet: Vom Westen aus wird auf den Osten geschaut und in den Osten fährt man dann nur, wenn da gerade wieder etwas los ist, über das man berichten muss – wie rechtsradikale Demonstrationen. Die gibt es und daran gibt es nichts zu beschönigen. Aber der Osten ist eben auch mehr als das. 

  • Eine These von dir, warum im Osten eine erhöhte Tendenz zu Rechtsradiaklität besteht, ist, dass es in der DDR keine ausreichenede Aufarbeitung der Nazizeit gab. Warum wählen deiner Meinung nach auch junge Leute, Nachwendekinder, rechte Parteien?

Da gibt es einen Haufen Gründe, bei denen ich noch selbst dabei bin, sie zu ergründen. Einer ist sicherlich genau das: Dass es durch fehlende Aufarbeitung der Nazizeit nie eine Aufarbeitung von Rassismus gab – weder in der Öffentlichkeit, noch in den Familien. Und wenn Rassismus nicht benannt wird, kann nicht damit umgegangen werden; nicht klargemacht werden, wo er beginnt. Ich treffe Leute, die die AfD wählen und sagen, sie seien keine Rassisten. Und ich glaube, sie meinen das Ernst. Rassist ist dann nur, wer sich selbst so nennt. Ein anderes Problem ist sicherlich, dass der Anteil an Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte wesentlich geringer ist in Ostdeutschland, keine Begegnung, kein Abbau von Vorurteilen, Rassismus gedeiht. 

  • Am 03.10.2020 jährt sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal. Ist die Wiedervereinigung deiner Meinung nach insgesamt betrachtet erfolgreich gewesen?

Ja, sehr! Ich bin fast 30 Jahre alt, lebe politisch frei in einem vereinten Deutschland; darf hier leben, wo ich will; studieren, was ich will; darf protestieren. Mir ist wichtig, nicht immer die ganze Wiedervereinigung infrage zu stellen und alles so negativ zu sehen. Und trotzdem gibt es ein großes Aber: Es ist einfach auch vieles schief gelaufen, vieles ist noch im Prozess. Mediale, wirtschaftliche, politische, Diskursmacht – das ist alles noch westdeutsch geprägt. Es gibt Probleme, darüber müssen wir reden. Aber eine Einheit sind Ost und West trotzdem.  

  • Und letztendlich dann doch etwas „Ostalgie“: Die schönste Stadt für dich im Osten, die man unbedingt mal als „Wessi“ besichtigen sollte?

Magdeburg natürlich! 🙂 (Görlitz ist aber auch wunderschön. Und Rostock. Zeitz. Halle an der Saale. Dresden, Leipzig – leider unmöglich sich zu entscheiden, man sollte eine Woche Rundreise einplanen.)

  • Welches Buch würdest du zum Thema DDR /Nachwende empfehlen, um noch mehr für Ostverständnis zu sorgen?

„Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein“ von Hensel und Engler. Und „Als wir träumten“ von Clemens Meyer (da geht notfalls auch der Film). Und „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel.

Oh je, schon wieder nicht entschieden.

Fazit

Das Interview mit der Autorin hat mir letztendlich tatsächlich noch einmal eine etwas andere Perspektive aufgezeigt, vor allem auch in Bezug auf Ostalgie. Wir befinden uns da schnell auf einem schmalen Grat, aber genau diesen zweifelhaften Gedanken räumt Valerie Schönian in dem Gespräch aus dem Weg. Sie betrachtet den Begriff meines Erachtens sehr differenziert und setzt ihn nicht einfach mit Zurücksehnen der DDR und dem damit verbundenen Unrechtsstaat gleich.

Ein ganz besonderes Erinnerungsstück: Die Willkommenszeitung meiner Eltern nach dem Mauerfall

Damit Ostdeutschland nicht nur mit rechtsradikalen Tendenzen und Trostlosigkeit verbunden wird, dürfen und sollten wir also auch die positiven Dinge hervorheben, die das Leben jedes Einzelnen in der DDR auch ausgemacht haben. So sehe ich es zum Beispiel als Errungenschaft, dass ich mit der Einstellung aufgewachsen bin, dass Karriere für Frauen und Kindererziehung sehr wohl miteinander vereinbar sind. In den alten Bundesländern musste sich dieses Bewusstsein in den Neunzigern noch entwickeln. Zudem ist mir bewusst, wie wichtig es ist, seine freie Meinung zu äußern oder die Reisefreiheit genießen zu dürfen. So schätze ich es wie Valerie Schönian, dass ich wohnen und arbeiten kann, wo ich will [in Hamburg] und was ich will [in der Pressearbeit, es lebe die Pressefreiheit!], ohne eine bestimmte politische Meinung vertreten oder gar in einer Partei eintreten zu müssen.

Ich bin außerdem genauso der Meinung, dass ostdeutsche Städte viel mehr Potenzial haben, als man auf dem ersten Blick denken könnte. Wenn ihr also keine Zeit für eine Rundreise haben solltet, entscheidet euch für Magdeburg! 😉

„Ostbewusstsein“ von Valerie Schönian, erschienen im Piper Verlag im März 2020

Zum Buch auf der Verlagsseite

Vielen Dank liebe Valerie für das Interview und danke an den Piper-Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars, was weder meine Meinung noch die Beurteilung des Buches beeinflusst hat.

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