Parallelwelt Plattenbau Ost: „Nullerjahre“ von Hendrik Bolz, eine Rezension

Es fühlt sich wie eine Parallelwelt an, wenn man die Stadtautobahn in Stralsund in Richtung Knieper West folgt. Eigentlich wird einem das Gefühl vermittelt, dass man bereits die Stadtgrenze erreicht hat. Aber am Stadtrand erstreckt sich noch einmal ein ganz anderes Stralsund, nicht das, was man von Postkarten aus dem Urlaub kennt, wie die pittoreske Altstadt, sondern ein Viertel voll von Plattenbau. Hier ist Hendrik Bolz aufgewachsen, hier spielt das Buch „Nullerjahre“, die Geschichte von Rapper Testo von Zugezogen Maskulin. Er beschreibt seine Kindheit und Jugend in Ostdeutschland.

„Nullerjahre“ – Hendrik Bolz‘ Jugend in Stralsund, ein Kontrast zwischen pittoresker Altstadt und Gewalt

Wie treue Leser:innen unter euch bereits wissen, bin auch ich im Osten Deutschlands – in Sachsen-Anhalt – aufgewachsen, meine Großeltern haben in einer Platte gewohnt. Entsprechend habe ich mir wenig dabei gedacht, als der Freund und ich beschließen, nach unserem Ostseeaufenthalt und einem Ausflug in Stralsund, noch einen Abstecher nach Knieper West zu machen. Zugegebenermaßen hatte ich auch vor, ein Foto zu machen. Nur als ich plötzlich inmitten des Viertels stand, begann ich mich unwohl zu fühlen. Einige Anwohner begannen uns zu beobachten und machten den Anschein, zu denken: „Was machen die da mit dem Buch in der Hand ? Und warum wollen die hier Fotos machen? Was wollen die nur von uns?“ Es fühlte sich plötzlich so an, als würde ich über den Dingen stehen und die Armut zur Schau stellen wollen. Mit unserem Hamburger Kennzeichen nehmen wir uns nahezu als Eindringlinge wahr, als „die Fremden“, es scheint immer noch eine andere Welt zu sein, eben eine Parallelwelt.

Inhalt

In der DDR galt Plattenbau als modern und fortschrittlich, hier lebte die Lehrerin neben der Friseurin, der Polizist neben dem Handwerker. In den Neunzigern und Nullerjahren wirken die versprochenen blühenden Landschaften eher heruntergekommen, verwahrlost. Schulen und Spielplätzen werden geschlossen. Hendrik Bolz, Jahrgang 1988, wächst in der Nachwendezeit auf, in der Eltern häufig mit dem Systemwechsel konfrontiert und damit ausgelastet sind. Sie sind in diesem Buch abwesend, aber auch deshalb, weil Eltern zu dem Zeitpunkt und in dem Milieu nicht cool sind. Cool-sein wird nämlich Hendriks Hobby. Dazu gehören Drogen im frühen Alter, nicht petzen, nicht heulen. Und vor allem Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt. In den Erzieher:innen und Lehrer:innen stecken zum Teil noch die Strukturen des sozialistischen Systems, in dem Gleichheit auch Anpassung und nicht Auffallen bedeutet. Auf dem Gymnasium ist Hendrik zwar besser aufgehoben und lernt, dass der Klügere nachgeben sollte. Nur stimmen diese Sichtweisen für ihn wenig mit der Realität im Plattenbau-Viertel überein. Da herrscht noch das Gesetz des Stärkeren.

Hendrik Bolz „Nullerjahre – Meine Jugend in blühenden Landschaften“

Kritik

Man begleitet Hendrik durch eine Jugend, die vom Zwiespalt geprägt ist: Zwischen Nazi-Kult, der gerade zu Beginn der Nachwendezeit in einigen Teilen im Osten gedeihen kann und der Rap-Kultur, von deren Songs und Liedtexten, z.B. von Aggro-Berlin, sich Hendrik und seine Freunde angesprochen fühlen. Zwischen gewaltvoller Realität und dem Philosophie-Unterricht in der Schule, in dem sich Hendrik auf Augenhöhe begegnet fühlt. Zwischen Ostsee-Tourismus und versteckte Plattenbausiedlung. Zwischen gelernten Emotionen und Glaubenssätzen und einsetzendem Verstand.

Aber vor allem wollte ich ihn während des Lesens häufig schütteln. Man bemerkt schnell, dass Hendrik etwas im Kopf hat, aber er kann sich der Atmosphäre, in der er als Kind und Jugendlicher aufwächst, einfach nicht entziehen. Er schaut zu den vermeintlich Coolen, den Schlägertypen aus seinem Viertel hinauf, er läuft mit. Auch er spürt den Adrenalin, wenn er gewalttätig wird und Unschuldige mobbt und tyrannisiert. Auch er zieht schon als Kind Gas (mit einem Feuerzeug und einer Plastiktüte) und kommt früh in den Genuss diverser Drogen. Auch er glaubt, dass Gewalt normal ist und zwangsläufig angewendet werden muss, um durchs Leben zu kommen, um nicht als Opfer abgestempelt zu werden. Er scheint sich selten seiner Taten und den verbundenen Konsequenzen als Jugendlicher bewusst zu sein. Wenn doch Zweifel aufkommen, wird ihnen mit Gewalt begegnet.

„Niemand soll auf die Idee kommen, mich anzugreifen, mich zu enttarnen, meinen schwachen Kern offenzulegen, und wenn es doch mal dazu kommt, dann heißt es Plattmachen, Kaputtkloppen, ohne Gnade“.

Ich muss zugeben, dass ich häufig schlucken und das Buch ab und an beiseite legen musste, um das Gelesene innerlich verarbeiten zu können. Denn Hendrik Bolz verschönt nichts, hält nichts geheim. Er beschreibt eine Realität, die gerne tabuisiert wird, aber es so nun einmal auch gab. Und er schafft es nichtsdestotrotz, dass man sich in ihn und in seine Freunde hineinversetzen kann. Bei mir kann es zwar auch damit zusammenhängen, dass ich die eine oder andere Erfahrung nachempfinden kann, auch wenn ich es nicht so extrem erlebt habe. Rechtes Gedankengut war in meiner Blase eher kein Thema, aber man kannte die Gegenden (häufig Plattenbauviertel), in denen man nicht alleine unterwegs sein sollte, erst recht nicht mit Migrationshintergrund. Rechtextremismus stand hier an der Tagesordnung (und zum Teil leider immer noch). Genauso dass das Verhältnis zu Autoritäten in Osten mitunter ein anderes war, habe ich aus Gesprächen mit Freunden aus alten Bundesländern herausgehört, zum Beispiel, in dem Eltern von Freunden oder Grundschullehrer:innen eher gesiezt wurden. Hendriks eindringliche und authentische Art und Weise des Schreibens führt aber meines Erachtens insgesamt dazu, dass man unabhängig von eigenen Erfahrungen Sympathie mit den Protagonisten empfindet, mitfühlt, obwohl man die Gewalttaten gleichermaßen verurteilt.

Prägnant an dem Buch ist zudem das stilistische Mittel der Wiederholung, das der Autor gerne einsetzt. Es gibt dem Text einerseits eine Melodie wie ein Song. Andererseits nehme ich es auch so war, dass damit eine gewisse Monotonie vermittelt werden soll, die empfundene Ausweglosigkeit und Perspektivlosigkeit in der Nachwendezeit. Durch das Einstreuen von politischen Zusammenhängen und Geschehnissen, aber auch durch das Beschreiben von popkulturellen Phänomenen – indem Liedtexte, aber auch Werbeslogans aufgegriffen werden -– lassen sich die Erlebnisse und Erfahrungen des jungen Hendriks in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnen.

„Kalte, mahlende Transformationsprozesse, luftleerer Raum, anomische Zustände, rechte Gewalt. Schweigen, Schweigen, Schweigen.“

Für mich war es insgesamt ein beeindruckendes Buch, das sich zwar mitunter nicht leicht konsumieren lässt, mich jedoch unglaublich bewegt hat, welches nachgewirkt hat. Es zählt bereits jetzt zu meinen Lesehighlights aus diesem Jahr.

Hendrik Bolz bei der Lesung im Thalia Theater in Hamburg

Fazit

Die Lesung zu „Nullerjahre“, die Aline und ich vor ein paar Wochen besucht haben, hat mich in meinem Eindruck von Hendrik Bolz noch einmal bestärkt. Er geht offen mit seiner gewaltvollen Jugend und den verhärteten Sichtweisen seines alten Ichs um, er wirkt reflektiert und authentisch. Ich kann das Buch tatsächlich jedem empfehlen, um vor allem Ostdeutschland zu verstehen, das nun manchmal anders zu ticken scheint. Aber man sollte das Gelesene genauso hinterfragen. Es ist eine Geschichte unter vielen. Zu pauschalisieren wäre anmaßend und ist sicher auch nicht die Absicht von Hendrik Bolz gewesen. Neben der ostdeutschen Perspektive bietet „Nullerjahre“ vor allem auch einen Einblick in die Rapper-Kultur und liest sich, obwohl es ein Sachbuch ist, fast wie ein Coming-of-Age-Roman.

Wie es in der Buchkritik von Deutschlandfunk Kultur treffend formuliert wird: Der Soundtrack zu diesem Buch: Das Lied „Plattenbau O.S.T“ von Zugezogen Maskulin.

Auch hörenswert, Hendrik Bolz beim Podcast WDR 1 Live Stories

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Johannes Nichelmann: „Nachwendekinder“
Valerie Schönjan: „Ostbewusstsein“

Quellennachweis – Trabi auf dem Foto: Trabivermietung Glowe auf Rügen

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