Wie schnell die Zeit vergeht! Am Wochenende haben wir bereits unsere Uhren umgestellt und dürfen den Winter langsam hinter uns lassen.
Lange haben wir kein Monatsblatt mehr versendet, sodass es höchste Zeit wird. Insofern halten wir uns nicht lange mit der Einleitung auf, sondern starten direkt rein mit einem Veranstaltungtipp und vielen Buchempfehlungen:
Veranstaltungstipp
Nachdem Caroline Wahls gefeiertes Debüt 22 Bahnen fürs Kino (zu Luises Review) verfilmt wurde, folgt Windstärke 17 nun fürs Theater. Aline war bei der Uraufführung im Ernst Deutsch Theater in Hamburg dabei:
Das Licht erlischt, die Stimmen im Saal werden ruhig. Fünf Spots, fünf Schauspielende, in der Mitte Ida. Nayana Heuer spielt als Ida die zentrale Figur und mit spielerischer Wucht in der Theateradaption von Caroline Wahls Roman. Sie spielt Ida, die wütend ist. Ida, die traurig und verzweifelt ist. Und sie spielt Ida, die sich in Leif (K) verliebt. Marianne (Dagmar Bernhard), Tilda (Nina Carolin), Knut (Murat Yeginer) und Viktor (K) unterstützen kontern, bringt leise, laute und lustige Momente dazu, stehlen ihr aber nie die Show.
Die Inszenierung von Ayla Yeginer im Ernst Deutsch Theater bleibt nah am Roman, verdichtet die Geschichte und kürzt sie zum Ende hin etwas. Knapp zwei Stunden, die intensiv sind und nachwirken, aber die Aline völlig in den Bann gezogen haben. Ein besonderer Augenmerk liegt auf der Gestaltung der Bühne. Im Mittelpunkt steht eine große Welle, die von den Darstellenden durchgängig bespielt wird und mal als Projektionsfläche für Videos, als zu Hause von Marianne und Knut und mal als Baumwipfelfad dient. Nicht zuletzt dadurch gelingt der Transfer des Romans auf die Bühne.
Als der letzte Satz gesprochen und das Licht erneut erlischt, bleibt vor allem diese Wut: nicht nur laut und zerstörerisch, sondern überraschend nahbar und gerade deshalb so greifbar. Das Stück läuft bis Ende Mai und ob wütend oder nicht, ob man den Roman gelesen hat oder nicht, ob Caroline Wahl Fan oder nicht – ein Besuch im Ernst Deutsch Theater lohnt sich. Denn dies war ein Abend, der zeigt, wie viel Wucht in dieser Geschichte wirklich steckt.
Mehr zum Stück gibt es hier.
Buchtipps – kurz Zusammengefasst
Nefeli Kavouras: Gelb, auch ein schöner Gedanke
Georg liegt seit langem im Sterben und wird von seiner Ehefrau Ruth und Tochter Lea begleitet, die sehr unterschiedlich mit dem Abschied umgehen. In kurzen, eindringlichen Kapiteln zeigt der Roman, wie einsam Trauer sein kann, selbst wenn man sie teilt. Trotz des schweren Themas ist er überraschend lebendig und humorvoll erzählt und gewinnt durch einen Bruch in der Mitte sowie einen Hauch magischen Realismus zusätzliche Tiefe. Zum Buch
Stefan Sommer: Party People
Der Roman begleitet einen Techno-DJ zwischen Clubs, Luxuspartys und rastlosen Reisen, geprägt von Exzess, Drogen und oberflächlichem Glamour. Hinter dieser schillernden Fassade zeigt sich jedoch eine tiefe Einsamkeit, verstärkt durch eine unerfüllte Affäre und den Verlust seiner Mutter. Stefan Sommer zeichnet so das Bild einer Welt, die von außen begehrenswert wirkt, aber ihre Leere erst offenbart, wenn Musik und Applaus verstummen. Zum Buch
Jacqueline Harpmann: Ich, die Männer nicht kannte
Eine junge Frau wächst mit 39 anderen Frauen in einem unterirdischen Gefängnis auf, ohne Erinnerung an ein Davor, bis ein plötzlicher Umbruch alles verändert. Der Roman entfaltet eine eindringliche, lebensfeindlich wirkende dystopische Welt, der ein starker Entdeckerwille entgegensteht. So entsteht eine stille, existenzielle Geschichte über Einsamkeit, Überleben und Menschsein, die bis zuletzt bewegt. Zum Buch
Son Lewandowski: Die Routinen
Der Roman übersetzt die Körperlichkeit des Turnens in eine dichte, literarische Sprache und verhandelt dabei Machtmissbrauch, Schönheitsideale und systemische Gewalt. Erzählt aus der Perspektive der Turnerin Amik, die zwischen Zeiten und Figuren springt, entsteht ein anspruchsvoller Text der intellektuell fordert. Zum Buch
Helene Böhlau: Halbtier!
Im Zentrum steht Isolde, die in einem autoritären Umfeld aufwächst, missbraucht wird und schließlich eine radikale Entscheidung trifft. Der Roman verhandelt weibliche Selbstbestimmung und den Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit und bleibt als eindrückliches literarisches Zeitzeugnis bestehen. Eine Wiederentdeckung, die erstmalig Ende des 19. Jhr. erschien. Zum Buch
Julia Engelmann: Himmel ohne Ende
Charly ist 15 und bewegt sich zwischen Einsamkeit, Selbstfindung und dem Wunsch dazuzugehören, bis eine Begegnungen Licht in ihre Unsicherheit bringt. Der Roman erzählt diese Coming of Age Geschichte in einem rhythmischen, poetischen Ton, der die Figuren nahbar macht und trotz aller Schwere Leichtigkeit bewahrt. Zum Buch
Dirk Gieselmann: Zeit ihres Lebens
Die Handung im Roman bleibt eher zurückhaltend, fast unspektakulär. Georg, der auf Dienstreise ist, verliebt sich in Frieda. Begegnung folgt Trennung folgt Wiedervereinigung. Getragen wird der Roman vor allem von der poetischen, sehr fein gearbeiteten Sprache des Romans. Viele Sätze stehen für sich, berühren ohne je kitschig zu werden, so dass die Sprache über das eigentliche Geschehen entfaltet. Zum Buch
Tara-Louise Wittwer: Nemesis‘ Töchter
Tara-Louise Wittwer verbindet in ihrem Sachbuch Themen wie Female Rage, Solidarität und Selbstbestimmung mit historischen Einblicken in die jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen. Anhand von Beispielen wie der Hexenverfolgung oder Figuren wie Giulia Tofana zeigt sie, wie komplex Rollen zwischen Opfer und Täterin sein können. Dabei entsteht ein empowernder, persönlicher Ton, der sich fast wie ein Gespräch anfühlt und lange nachwirkt. Zum Buch und Hörbuch













