Spätsommergeflüster – Ein Leserückblick auf den September 2022

Während wir diese Zeilen schreiben, kann man nun wirklich feststellen, dass der Sommer vorbeigeht. Die Temperaturen sind merklich kühler geworden und es hat (zumindest in Hamburg) gefühlt häufiger geregnet als den ganzen Sommer zusammen. Die Sommerpause steckt uns zugegebenermaßen noch in den Knochen und da bei uns beruflich als auch privat viel los war, sind wir noch nicht zur alten Stärke, zumindest auf Bookstagram, zurückgekommen.

Und doch haben wir auch in diesem Monat wieder einige Bücher besprochen, die wir noch im Sommerurlaub und die letzten Wochen gemütlich auf dem Lesesessel gelesen haben. Passend dazu also einmal der Reisebericht von Luise aus Südschweden, mit Buchhandlungstipps aus Stockholm.

Unser Lesemonat September

Im Zuge unseres diesjährigen Themenschwerpunkts auf dem Blog, 5 Jahre Aufgeblättert, hat sich Luise diesmal Gedanken gemacht, auf welche Autor:innen sie ohne Bookstagram womöglich nicht aufmerksam geworden wäre:

Luise: Dabei hat mich die Blase der Buchblogger:innen vor allem dazu inspiriert, den Fokus auf Autorinnen zu setzen, als dass sie vor allem in der Literatur – unberechtigterweise – noch immer seltener in der Öffentlichkeit präsent sind. Es scheint als gäbe es weniger hochliterarische, renommierte Romane von Autorinnen. Aber das stimmt nicht!

Delphine de Vigan, Fatma Aydemir, Shida Bazyar und Mareike Fallwickl habe ich durch die Buchblogger-Szene entdeckt. Sie inspirieren mich durch ihren jeweils eigenen Schreibstil, aber auch durch ihren Mut, auch mal unbequeme Themen wie sexuelle Gewalt und Unterdrückung weiblicher Selbstbestimmung oder auch Flucht und Migration sowie Verlust und Tod anzusprechen. Sie vereint damit die Gabe, leise Töne laut werden zu lassen und auch marginalisierten Gruppen eine Stimme zu geben. Aber sie überzeugen jeweils nicht nur mit starken Inhalten, sondern mit ihrem Talent, jeweils feinsinnig zu beobachten und dies mitreißend zu Papier zu bringen, Figuren authentisch zu beschreiben und lebendig werden zu lassen. Sicher gibt es bei allen auch ein Buch, das mich mehr von ihnen überzeugt, als ein anderes. Aber sie schaffen es dennoch immer, das ich beeindruckt bin von ihrer Beobachtungsgabe und Leidenschaft für das Wort. Und von allen gibt es ein Buch, das zu meinen Lieblingsbüchern gehört! Ich würde also immer wieder Neuerscheinungen von ihnen lesen.

Für mich sind sie definitiv die modernen Stimmen der Literaturszene!

Mareike Fallwickl, eine der benannten Autorinnen, begann übrigens selbst auch als Buchbloggerin, als eine der ersten, meines Erachtens. So konnte ich Schritt für Schritt ihren Weg als renommierte Autorin verfolgen und bilde mir immer wieder gerne einen eigenen Eindruck von ihren Büchern:

„Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl (Luise)

Erstmals Juli 2019 erschienen, in der Frankfurter Verlagsanstalt

Als eine Freundin vorschlug, ob wir einen Lesezirkel gründen könnten, um Leseeindrücke im persönlichen Austausch intensiver zu teilen, war ich sofort begeistert (wirkt der Diskurs auf IG oft stark verkürzt). Inspiriert von „Die Wut, die bleibt“, das wir fast alle gelesen haben, entschieden wir uns für den Vorgängerroman von Mareike Fallwickl.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt. Einmal aus der Sicht des ehemaligen Bestsellerautors Wenger, er steckt in einer Midlfe Crisis. Er scheint „ein alter weißer Mann“, der den Wandel der Zeit nicht akzeptieren will, auch nicht bei seinen Roman-Themen. Die andere Sicht nimmt seine 18-jährige Tochter Zoey ein. Sie plant ihre Zukunft entgegen der Erwartungen ihrer Eltern. Und vor allem merkt sie während des Erwachsenwerdens, dass die Realität und vor allem die Liebe mit Schmerzen verbunden sind. Dann erreichen Wenger Briefe, eigentlich an den Vormieter adressiert. Er öffnet sie dennoch: Sie sind brutal und zart zugleich, erzählen von Verletzungen und enttäuschter Hoffnung. Was Wenger nicht weiß: Auch Zoey liest sie heimlich, fühlt sich von den Worten angesprochen, hat sie immerhin ähnliche Gewalt und Schmerz erlebt. Und diese vielen vermeintlich unscheinbaren Stimmen von Frauen führen 2017 zu einem digitalen Feuerwerk: Die #metoo-Debatte, die auch Wenger und Zoey aufmerksam verfolgen.

Nur die Kapitel über Zoey sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, ihre Figur wirkt für mich dadurch greifbarer und nahbarer, sicher mit Absicht. So gibt die Autorin den Opfern von männlichem Machtmissbrauch eine Stimme! Zum einen schafft die Autorin, mich durch scharfsinnige Beschreibungen wieder mitzunehmen. Zum anderen fehlt mir diesmal an manchen Stellen die Authentizität. Einige Protagonisten wirken stereotypisch und der Plot durch diverse aufgeworfene Themen nicht immer stringent. Bei diesen Eindrücken waren wir uns überraschend einig im Lesezirkel. Aber sicher waren unsere Erwartungen durch die Begeisterung für „Die Wut, die bleibt“ hoch. Trotz allem beweist Fallwickl wieder Mut, indem sie Tabus bricht und den Finger in die tiefe Wunde der patriarchalen Gesellschaft legt.

Buchtipp zu Frauen in der Literatur: Nicole Seifert: Frauenliteratur.

„An das Wilde glauben“ von Nastassja Martin (Aline)

Erschienen im März 2021 bei Mattes und Seitz Berlin

Und damit ist sie die „Göttin der Wälder“ (S. 82), eine miedka, eine, die die Begegnung mit einem Bären, ihrem Bären, überlebt hat und von ihm gezeichnet wurde. Das ewenische Wort ‚miedka’ verweist auf die Vorstellung, dass die Person, die diesen Namen trägt, fortan halb Mensch halb Bär ist. Nastassja Martin trägt diesen Namen, der ihr von den Einwohnern der russischen Halbinsel Kamtschatka, den Ewenen gegeben wird. In ihrer Autobiografie „An das wilde Glauben“ beschreibt die Anthropologin, wie sie auf einer Bergtour während einer ihrer monatelangen Aufenthalte auf der Halbinsel einem Bären begegnet. Es kommt zum Kampf, der Bär beißt sie ins Gesicht. Sie überlebt und wird zunächst in einem russischen und anschließend einem französischen Krankenhaus behandelt. Ihr Genesungsprozess ist nicht nur äußerlich, auch innerlich. Die Leserschaft nimmt sie tief mit in die Gedankenwelt, ihre Träume und Erinnerungen, wo sie keinen Hass dem Bären gegenüber verspürt, nicht mit ihrem Schicksal hadert, sondern viel mehr die Grenze zwischen sich und dem Bären verschwimmen lässt. Sie findet Heilung in sich selbst und der Wildnis, sodass sie kurz nach ihrer letzten Operation wieder zurückkehrt, zu den Ewenen die ihre Familie sind und wo sie sich sicher fühlt. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer begegnet man in dem Roman einer Frau mit einem bewegenden Leben, einer beeindruckenden und sehr willensstarken Frau, die die Grenzen zwischen Mensch und Natur, echten Wildnis zu verschieben weiß und ihr Innerstes nach außen kehrt. Sprachlich und inhaltlich habe ich etwas gebraucht, bis ich in dem Roman drin war, habe aber den Eindruck, das er lange nachhallt.


„Der gefrorene Fluss“ von James Crowden (Aline)

Erschienen im September 2021 im Kopp Verlag

James Crowden ist auf der Suche nach einem Abenteuer, als er mit Anfang zwanzig in das abgelegene Himalaja-Hochtal Zanskar aufbricht. Zu diesem Zeitpunkt schrieben wir das Jahr 1976 und die Reise birgt mehr Gefahren, als wie ich es als (Rucksack-)tourist heute je erleben würde. Der Schritt des Entdeckers auf diesem Landstrich war möglicherweise der erste Schritt eines Menschen an dieser Stelle jemals. Ich bin tief beeindruckt ob der Erfahrungen, die James Crowden erleben durfte, wo die Welt zum Teil noch ein unbeschriebenes Blatt schien und nicht jede Ecke entdeckt war. Seine Erfahrungen und Erlebnisse schildert James Crowden mit dem Ziel, weniger einen Reisebericht zu schreiben, als vielmehr das Leben der Einwohner einzufangen und ein Bild dieser zu zeichnen. In feinen Nuancen hält er dies in dem Buch „Der gefrorene Fluss“ fest. Während seiner Zeit in Zanskar, entwickelt James Crowden „ein Gefühl für die Tiefe und Weite der Erkenntnisse des tibetischen Buddhismus, für sein enormes Potenzial, seine rituellen Strukturen und für die Weisheit (…).“ (S. 318), dass er in dem Buch ganz wunderbar einfängt und festhält. Besonders gut gefallen hat mir die Brücke, die der Autor im Nachwort zur heutigen Zeit schlägt und wie der Bau einer Straße und die Veränderungen des Klimas das Leben der Zanskaren verändert hat. Wie die Touristen in das Tal strömen, wie die Gletscher schneller abtauen und die Lebensgrundlage der Einwohner immer mehr geraubt wird. Zu sehen, wie der Einfluss des Menschen dieses entlegene Hochtal im Himalaja verändert hat, hat mich tief bewegt. Auch wenn ein Stück des Entdeckergeists in mir und den Menschen 1976 sicherlich Teil des Problems ist. Obwohl mir der Roman inhaltlich sehr gut gefallen hat, sei noch hinzugefügt, dass ich an manchen Stellen den Eindruck hatte, dass sich die Erzählung etwas gezogen und Berichte gedoppelt haben. Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl.

„Yoga“ von Emmanuell Carrere (Aline)

Erschienen im März 2022, bei Matthes und Seitz Berlin

„Der Körper hat 300 Gelenke. Der Blutkreislauf strömt durch 96 000 km Arterien, Venen und Blutgefäße. Es gibt 16 000 km Nerven. Die aufgefaltete Oberfläche der Lungen entspricht der eines Fußballfelds. Yoga hat zum Ziel, das alles nach und nach kennenzulernen. Und es mit Bewusstsein, Energie und dem Bewusstsein für die Energie zu erfüllen.“ (S. 46). Mit dem Ziel, Yoga seiner Leserschaft näher zu bringen, begibt Emmanuell Carrere sich zu Recherchezwecken in ein Vipassana-Meditationszentrum, wo er für zehn Tage lang schweigen wird. Ein feinsinniges und heiteres Buch über Yoga und Meditation will er schreiben und damit auch seine eigenen Erfahrungen weitergeben, da er schon seit vielen Jahren Thai-Chi und Meditation praktiziert. Doch die Recherche wird sich über vier Jahre hinweg ziehen. Jahre, in denen er mit dem Tod zweier ihm nahe stehenden Menschen zu kämpfen hat, ihm eine bipolare Störung diagnostiziert wird, er vier Monate in einer geschlossenen Psychiatrie verbringt und auf der Insel Leros geflüchteten Orientierung gibt. Am Ende ist „Yoga“ viel mehr als ein feinsinniges und heiteres Buch über Yoga und Meditation als eine autobiografische Erzählung über das Leben des Emmanuell Carrere in den letzten vier Jahren. Es ist ein schonungsloser Bericht über sein Seelenleben und wie man am Ende von dunklen Zeiten doch auch wieder Licht sehen wird. Das Yoga viel mehr ist als Krieger eins und Kriegerin zwei und der Versuch, seine Atmung zu kontrollieren. Das Yoga viel mehr die Einstellung zu sich selbst ist als ein Bewegungsmuster, das der Autor nach meiner Interpretation in diesem Buch zum Ausdruck bringt. Und ich als große Frendin des Yogas bin begeistert und empfehle das Buch allen ob schonmal Yoga erlebt oder nicht. Denn die Seiten offenbaren vielmehr einen Lebensbericht, als ein Buch über Yoga. Aus dem Französischen von Claudia Hamm.


„Ich habe sie geliebt“ von Anna Gavalda (Aline)

Erschienen 2004, bei S. Fischer Verlage

Nachdem unsere Icherzählerin von ihrem Ehemann verlassen wurde, wird sie kurzerhand von ihrem sonst eher wortkargen und unnahbar wirkenden Schwiegervater in das Landhaus der Familie eingeladen. Zunächst erscheint die Stimmung eisig, stehen die beiden sich doch auch nicht besonders nahe. Sie hängt der Tragik ihrer zerbrochenen Beziehung nach, des Verlassenwerdens, des Grübelns nach den Gründen. Er scheint hingegen seiner Schwiegertochter eine Stütze sein zu wollen, auch wenn er ihr das (noch) nicht recht zeigen kann. Mit der Zeit nähern sich die beiden an und tauschen sich aus. Insbesondere er erzählt von sich und einem lange gehüteten Geheimnis, das den sonst eher unnahbar erscheinenden älteren Mann in ein anderes Licht rückt. Dabei versucht er nie seine Schwiegertochter zu trösten oder seinen Sohn dafür in Schutz zu nehmen, mit einer anderen Frau durchgebrannt zu sein. Am Küchentisch entwickeln sich zarte Bande der Freundschaft eines sich sorgenden älteren Manns zu seiner Schwiegertochter. Der Roman „Ich habe sie geliebt“ von Anna Gavalda in der Übersetzung von Ina Kronenberger geht der Frage nach, wie lange man eine womöglich gescheiterte Beziehung aufrecht erhalten sollte. Hat man das Recht, sich in seiner Ehe geirrt zu haben? Und sollte man dieses Konstrukt auf biegen und brechen aufrecht halten, insbesondere wenn Kinder im Spiel sind, oder dem Herzen folgen? Mit ganz viel Gefühl nähert sich die Autorin dem Thema, auf das es bestimmt viele unterschiedliche Meinungen gibt. Ich mochte den Schreibstil und die Art, wie Anna Gavalda Situationen, Momente und Gefühle beschreibt, sehr. Wer die Verfilmung ihres zweiten Romans „Zusammen ist man weniger allein“ kennt, weiß sicherlich um diese besondere Stimmung, die diese Art der französischen Filme vermittelt und auch in diesem Roman zum Tragen kommt. „Ich habe sie geliebt“ wurde ebenfalls verfilmt, von mir aber noch nicht gesehen, aber vielleicht von euch?

Und zwei Bildbände…

„Zu Mensch“ von Arezu Weitholz & Katrin Funcke (Luise)

Erschienen im Mai 2022 im Kunstmann Verlag

Ich bin überwältigt, dass das Album „Mensch“ von Herbert Grönemeyer seit dem 30. August 2022 bereits 20 Jahre alt sein soll. Es lässt mich in Erinnerung schwelgen. Denn immerhin war ich damals 14 Jahre und ich erinnere mich, wie ich mit Freunden melancholisch auf den ersten Partys am Ende Herbert Grönemeyers Lieder von seinem damals neuen Album mitgrölte (von Singen war wohl weniger die Rede). Sehr erfreut habe ich also dieses schöne, mit Liebe eingepackte Paket vom @kunstmannverlag geöffnet, welches mit tollen Sachen gefüllt ist. Nicht nur mit einer handsignierten CD und dem neuen Buch, das all die Skizzen und Notizen von Herbert enthält — was damals noch nicht digitalisiert war, sondern auch mit einem Lieblingsrezept von Herbert und passenden Zutaten. Ach „Mensch“, guten Appetit und herzlichen Glückwunsch Herbert Grönemeyer!

„Helden der Meere“ von York Hovest (Luise)

Erschienen im August 2019 bei teNeues

Der Sommer neigt sich wie gesagt sichtlich dem Ende. Mit dieser Jahreszeit verbinden wir gerne Urlaub, Sonne und das Meer. Aber letzteres ist viel mehr als ein Entspannungsort. Ohne das Meer würde das Leben auf der Erde nicht funktionieren. Der Klimawandel führt dazu, dass sich auch die Meere erwärmen und der Meeresspiegel steigt. Überfischung, Verschmutzung und Plastikmüll führen zu großen Gefahren, auch für die Lebewesen unter dem Meer – um nur einige Probleme zu nennen. Der Fotograf und Autor @york_hovest hat dazu einen beeindruckenden Bildband veröffentlicht, der mir mal wieder in die Hände gefallen ist. Auch kann ich die Plattform „Heroes of the Sea“ empfehlen, wo man nach Hilfsprojekten rund ums Thema Meerschutz schauen und so recherchieren kann, inwiefern und wo man gewinnbringend unterstützen kann. Eine tolle Idee! 

Zu guter Letzt geht es hier noch zur frisch verfassten Rezension von Aline zu „Die Tage ohne dich“ von Elvira Sastre.

Fazit

Jetzt kann er also kommen, der Herbst mit seinen schönen verfärbten Blättern, den kuscheligen Stunden auf unseren Sofas, aber auch die Kälte und Nässe draußen vor den Fenstern. Mit unseren Oktober-Büchern werden wir wieder abtauchen in andere Welten und schöne Geschichten. Freut euch also auf herbstliche Schmöker, aber auch auf spannende, neue Themenbeiträge!

Kommentar verfassen