Wir sind dann mal weg: Eine Rezension zu „Sommer der Träumer“ von Polly Samson

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Der Sommer hat uns fest im Griff: Die Eiscafés sind aus dem Winterschlaf zurückgekehrt, die Bar nebenan verkauft Aperol Spritz im Sommerangebot für 5 Euro und die Alster ist voll mit Segelbooten. Auf dem Weg zum Picknick mit Freunden stehe ich auf einer der vielen Brücken und blicke auf das Blau der Alster, welches fast den gleichen Blauton trägt wie der Himmel. Pollen und Sonnenstrahlen kitzeln mir in der Nase. Ja, es ist diese Zeit, in der Sonnencreme und -brille zur Standardausrüstung in meiner Tasche gehören und es ist diese Zeit, in der wir den Koffer packen, um in den Urlaub zu fahren. Vielleicht ein bisschen anders als die letzten Jahre, aber trotz allem gehört neben einem Stückchen Normalität auch ein gutes Buch ins Gepäck. Zur Einstimmung stelle ich „Sommer der Träumer“ vor, ein Buch, welches noch mal so richtig in Urlaubsstimmung versetzt und den Leser gedanklich auf die Insel Hydra begleitet. Und so verabschieden wir uns in den Sommerurlaub und Blogpause und lesen uns dann im August wieder.

„Sommer der Träumer“ von Polly Samson, Ullstein Verlag, im März 2021 erschienen.
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Urlaubsstimmung mit „Sommer der Träumer“ von Polly Samson

Inhalt

In London, 1960 verlieren die Geschwister Erica und Bobby plötzlich und unerwartet ihre Mutter. Zurück bleibt ihr strenger Vater, der Erica als Ersatz für die verlorene Mutter in die Küche verfrachtet, wo sie fortan die häuslichen Pflichten übernehmen soll. Erica kommt sich verloren vor, hat mit der strengen Hand des Vaters zu kämpfen, der scheinbar keine Trauer zeigt und ihr den Kontakt zu ihrer großen Liebe Jimmy verbietet. Dann erreicht ein Brief, an ihre Mutter adressiert, von Charmian Clift das Haus. Charmian hat gemeinsam mit ihrem Mann eine Zeit lang im gleichen Haus gewohnt, ist Autorin und gute Freundin der Mutter von Erica und Bobby gewesen. Der Brief enthält eine Einladung sie bald besuchen zu kommen und einem Buch über Charmians Leben auf Hydra. Als Erica in der Hinterlassenschaft ihrer Mutter ein Sparkonto erhält – verbunden mit den Worten ihrer Mutter ihre Träume zu verfolgen – und Bobby Autoschlüssel, ist der Plan schnell gefasst. Und so machen sich die beiden am Tag des 18. Geburtstags von Erica auf den Weg auf die griechische Insel Hydra zu Charmian und ihrer Familie. Begleitet werden sie von Jimmy und einer Freundin von Bobby. Auf Hydra werden die vier Teil einer Künstlergemeinschaft, lernen den norwegischen Schriftsteller Axel Jensen, dessen Ehefrau Marianna Ihlen und den Musiker Leonard kennen. Große und laute Abendessen, Baden bei Mondlicht und Partys begleiten sie durch den Sommer, ebenso wie das Entdecken von Freiheit, Kunst und der eigenen Sexualität. Probleme untereinander werden ebenso offen ausgetragen wie der neuste Insel-Klatsch in der Bar ausgetauscht. Im Mittelpunkt der Künstlergemeinschaft steht Charmian Clift. Nebenbei hält sie ihren schreibenden Mann bei Laune und erzieht gleichzeitig ihre drei Kinder in mitten des Insel-Trubels. Sie wird auch eine große Stütze für Erica werden.

Kritik

Dieses Buch ist mein Sehnsuchtsroman für dieses Jahr. Die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, nach einem anderen Ort, nach Sommer und vor allem nach griechischen Olivenöl, Feta, Tomaten und Ouzo. Ehrlicherweise passiert in dem Roman wenig, wer als Leser:in eine aufregende Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Vielmehr legt die Autorin Wert auf Charaktere. Sie lässt die Leser:innen tief in die soziale Gruppendynamik auf der Insel eintauchen und beschreibt das Leben der fremden- und griechischen Inselbewohner:innen. Man begleitet Erica einen Sommer lang und erfährt, welche Inselbewohner sie kennenlernt, wird Teil der Künstlergemeinschaft und schließt neue Freundschaften. Sie trauert nicht nur um ihre Mutter, sondern auch darum, dass ihr Vater ihr nach dem Weggang scheinbar keine Beachtung mehr schenkt. Somit wird die Verbindung zu Charmian und ihrem Mann mit der Zeit immer enger und die beiden zu einer Art Familienersatz. Insbesondere Charmian wird ihr Anker und Verbindung zu der verstorbenen Mutter. „Ich ertrage es nicht, dass Charmians Ehe mit George scheitern könnte. Für mich kommen sie einer Familie noch am nächsten.“ Abgesehen von dem Paar Charmian und George, die Eheprobleme haben, lernen die Leser:innen zudem Marianne Ihlen, ihren Mann Axel Jensen und ihren gemeinsamen Sohn kennen. Die Ehe der beiden steht ähnlich auf der Kippe wie die zwischen Charmian und George, wird sie doch durch Affären von Axel torpediert. Auch diese ehelichen Kämpfe erlebt man durch die Augen von Erica mit, die in ihrer Rolle als Vermittlerin innerhalb der Künstlergemeinschaft immer mehr aufgeht und damit vermeintlich ihre Rolle findet und zu einer jungen erwachsenen Frau heranwächst.

Polly Samsons „Sommer der Träumer“

Etwas irritiert haben mich jeweils Prolog und Epilog des Romans. Der Prolog springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und bietet mir damit einen Einstieg, den ich nicht ganz nachvollziehen kann und mich mehr verwirrt. Aber schon im ersten Kapitel findet die Autorin einen wunderbaren Sprachstil, dem ich gut folgen kann. Der Epilog zum Schluss beschreibt die Zeit, nachdem Erica zurück nach London gegangen ist. Meiner Meinung nach verdirbt dies ein wenig die Stimmung, da Erica selbst zwar während des Sommers charakterlich gewachsen ist und viele Ehen hat kriseln und scheitern sehen, begibt sie sich selbst scheinbar überstürzt in eine Beziehung, statt selbstbestimmt wie auf der Insel zu leben. Das mag vielleicht aber auch den 1960er Jahren geschuldet sein, in denen Frauen immer noch nicht die gleichen Rechte hatten, wie ich sie als Leserin im Jahr 2021 kenne.

Besonders hervorheben möchte ich jedoch, dass Polly Samson beinahe einen biografischen Roman geschrieben hat. Denn zwar handelt es sich bei Erica um eine fiktiven Charakter, aber Charmian Clift, George Johnston, Marianne Ihlen, Axel Jensen und Leonard Cohen sind real existierende Personen, die alle zur gleichen Zeit auf Hydra gelebt haben. Die Recherchearbeit für Polly Samson muss enorm gewesen sein und bewundere ich sehr. Da ich Biografien sehr gerne lese, war es für mich also ein besonderer Hochgenuss dieses Buch zu verschlingen.

Fazit

Ich hatte mir erhoft, dass der Roman mich zurück nach Hydra bringt, wo ich 2019 einige Tage im Sommer verbrachte. Und das hat er geschafft. Sehnsüchtig warte ich nun auf die nächste Gelegenheit, auf die Insel zu reisen, das Buch im Gepäck und all die Orte zu suchen von denen Polly Samson erzählt. Zwischendurch werde ich eine Playlist mit den größten Hits von Leonard Cohen anmachen und in meinem Gepäck wird sich sicherlich ein Buch von Charmian befinden. Das macht es zu einem wunderbaren Lesetipp für die Sommerpause, in die wir uns damit offiziell verabschieden.

Vielen Dank an den Verlag für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplares. Dies hat meine Beurteilung zu dem Buch nicht beeinflusst.

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