Hochsommer mit Büchern: Jährlich wird Ende Juni in Klagenfurt am Wörthersee, Geburtsort Ingeborg Bachmanns, der nach ihr benannte Literaturpreis verliehen – und das auf eine besondere Weise, nämlich als öffentlicher Wettstreit!
Die eingeladenen Autorinnen und Autoren präsentieren ihre noch unveröffentlichten Prosatexte vor Publikum, woraufhin eine Jury die Werke unmittelbar einer literaturkritischen Analyse unterzieht. 2026 wird der Bachmann-Preis bereits zum 50. Mal ausgetragen, bei heißen Sommertemperaturen vom 25.-28. Juni.
Dieses Format der offenen Debatte ist übrigens eng mit der Tradition der Gruppe 47 verbunden, der auch Bachmann angehörte und wo ein schonungslos, ehrlicher Austausch über Texte zum guten Ton gehörte. Gleichermaßen war Bachmann selbst für ihre kompromisslose, philologische Präzision bekannt: Über jedes einzelne Wort ihrer Manuskripte soll sie mit ihren Lektoren leidenschaftlich gefeilscht haben – was das erzählende Sachbuch Die Poesie der Liebe eindrucksvoll nachzeichnet.
Doch wer war diese Ausnahmeschriftstellerin eigentlich als Person, deren Strahlkraft bis heute ungebrochen ist? Anlässlich ihres 100. Geburtstags (25. Juni 1926) nähern wir uns einer Frau an, die den deutschsprachigen Literaturkanon des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägt. Denn Bachmann war mehr als eine gefeierte Prosaautorin; sie gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Moderne. Ihr Werk ist von einer existenziellen Dringlichkeit durchdrungen – getragen von der Überzeugung, dass Literatur die Aufgabe hat, die Wahrheit auszusprechen, zu schildern, nicht zu verleugnen. Ihr berühmter und zeitloser Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, den sie 1959 in einer Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden formulierte, markiert dabei den Kern ihres Schaffens: ein stetiger Kampf gegen Sprachverkrustungen und das gesellschaftliche Schweigen.


Anlässlich dieses Jubiläums laden wir euch ein, gemeinsam mit uns Ingeborg Bachmann (neu) zu entdecken. Wir haben dafür drei verschiedene Zugänge herausgesucht: Eine repräsentative Textauswahl der Autorin selbst, ein erzählendes Hörbuch über sie und ihre leidenschaftliche Beziehung zu Max Frisch sowie der neue Kinofilm mit der preisgekrönten Sandra Hüller in der Hauptrolle.
„Die Poesie der Liebe. Ingeborg Bachmann & Max Frisch“ (Hörbuch, aufbau audio)
„Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir.“ – Ingeborg Bachmann
Was anfangs etwas langatmig und leicht kitschig wirkt, entpuppt sich schnell als eine tiefgründige, nuancierte Darstellung. Durch die sehr lebhafte Erzählweise des Hörbuchs wirkt die Beziehung zwischen der sensiblen Bachmann und dem bodenständigen Frisch besonders greifbar. Während Frisch nach Nähe sucht, schnell eifersüchtig wirkt, ringt Bachmann im Leben wie im Schreiben um jedes Wort und fordert kompromisslos ihre Freiheit ein. Die biographische Erzählung überzeugt vor allem dadurch, dass sie Bachmann als brillante Netzwerkerin porträtiert, die im intensiven Austausch mit Größen wie Paul Celan, Hans Werner Henze, Heinrich Böll, aber auch mit ihrem Lektor Reinhard stand: als Freunde, als Wortexperten auf Augenhöhe, aber auch Männer, die Ingeborg Bachmann jeweils einmal verfallen waren. Ein lebendig inszeniertes und lohnendes Hörerlebnis über eine Frau, die ihrer Zeit in jedem Fall voraus war.
„Das dreißigste Jahr“ & „Alles“ (Piper, 1961)
Der Erzählband Das dreißigste Jahr ist ein Meilenstein der Nachkriegsliteratur. Bachmann markiert darin das Alter von 30 Jahren als eine kritische Schwelle – jenen Moment, in dem die Jugendillusionen an der Realität einer verkrusteten Gesellschaft zerschellen.
Besonders eindrücklich gelingt dies in der Erzählung Alles. Bachmann seziert hier ein Ehepaar nach dem Unfalltod ihres Kindes. Während die Mutter trauert, flüchtet der Vater in eine distanzierte, theoretisierende Arroganz. Bachmann übt hier eine scharfe feministische Gesellschaftskritik und demaskiert den überheblich männlichen Blick auf die Welt: Sie zeigt, wie der Mann das Kind lediglich als Bedrohung seiner Freiheit betrachtet und die Fürsorge der Mutter als gewöhnlich abwertet. Diese männliche Kälte wird als direktes Relikt autoritärer, faschistischer Denkstrukturen entlarvt. Bachmann zeigt, wie Sprachlosigkeit in einer patriarchalen Ehe zum Instrument wird – ein schonungsloses Porträt über das Scheitern von Lebensentwürfen.
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Kinofilm)
In ihrem Dokumentarfilm, der auch anlässlich des Jubiläums ab 25. Juni in den Kinos läuft, nähert sich die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Regisseurin Regina Schilling der visionären Autorin – ihren Texten ebenso wie ihrem Wesen als Schriftstellerin. Dabei verschränkt der Film Gegenwart und Vergangenheit: Sandra Hüller tastet sich an Bachmann heran, ganz auf einer persönlichen Ebene. Archivmaterial wie alte Interviews werden mit Aufnahmen der Gegenwart, die in der letzten Wohnung Bachmanns in Rom entstanden sind, verwebt. So spiegelt die Gegenwärtige Erzählung das Leben der Autorin in der heutigen Zeit wieder, wie es hätte sein können. Diesen Part übernimmt die Oscar-nominierte Darstellerin Sandra Hüller virtuos. Ein dichter, eindringlicher Dokumentarfilm, der bewusst Leerstellen lässt. Zum Trailer.


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Gewinnspiel: Passend dazu verlosen wir als „Geburtstagsgeschenk“ ein Ingeborg-Bachmann-Kennenlernpaket mit 1×2 Karten für den Film sowie die gerade bei Piper erschienene Biografie Zwei Menschen sind in mir von Andrea Stoll. (Sie liegt auch schon auf unserem Lesestapel!) Wenn du in den Lostopf hüpfen möchtest, sende uns bis 30. Juni 2026 eine Mail an buch@aufgeblaettert.de (oder eine DM auf Instagram) mit dem Betreff Bachmann.
Bedingungen: Der Rechtsweg und Umtausch sind ausgeschlossen. Das Gewinnspiel steht nicht in Verbindung zu WordPress.
