Literarische Weltreise: Asien

Eine literarische Weltreise eröffnet nicht nur neue Geschichten, sondern auch neue Perspektiven auf Kultur, Gesellschaft und Geschichte. Auf meiner literarischen Weltreise nehme ich euch diesmal mit nach Asien und stelle euch fünf Bücher vor, die mich in unterschiedliche Länder und Lebensrealitäten geführt haben. Vom magischen Realismus auf den Philippinen, koloniale Spannungen in Malaysia über persönliche Schicksale im Korea des 21. Jahrhunderts bis hin zu Bürgerkriegsgeschehen auf Sri Lanka sowie der Behandlung gesellschaftlicher Normen in Japan. Mein erster Stopp hat mich übrigens nach Europa geführt, hier zum Nachlesen: Literarische Weltreise: Europa und die Region Donau

Bücherstapel mit Globus


Erster Stopp: Philippinen

Das Meer der Aswang von Allan N. Derain ist eine besondere Entdeckung, die ich in der Stories Buchhandlung gemacht habe. Nicht nur zieht die Geschichte rund um ein junges Mädchen, das sich in ein Krokodil verwandelt, tief in die Kultur und Historie der Philippinen hinein, sie mutet zudem kafkaesk an. Genau genommen verwandelt sie sich nämlich in eine Aswang, ein mystisches Wesen der Philippinen, und bleibt damit nicht das einzige übernatürliche Wesen in der Geschichte, das uns beim Lesen begleitet. Während ihr Vater an ihrer Verwandlung verzweifelt und Piraten die Insel bedrohen, erkundet Luklak ihren neuen Körper und wird dabei die ganze Zeit von Geisterwesen beobachtet. Die Übersetzerin Annette Hug gibt in einem Nachwort Einblicke in ihre Übersetzungsarbeit, die sie mit Anmerkungen zu Kultur, Land und Legenden verknüpft. Ein überraschend leichter und berauschender Roman.


Zweiter Stopp: Malaysia

Immer wieder empfehle ich Das Haus der Türen von Tan Twan Eng, daher auch an dieser Stelle. Der Roman zieht uns mitten hinein in die von Luftfeuchtigkeit durchdrungene Wärme Malaysias im frühen 20. Jahrhundert. In seinem knapp 350 Seiten umfassenden Werk, das 2023 für den Booker Prize nominiert war, verbindet Tan Twan Eng historische Ereignisse wie den chinesischen Freiheitskampf unter Sun Yat sen mit einer Erzählung über queere Liebe. In wechselnden Perspektiven erfahren wir, wie Lesley chinesische Aktivisten unterstützte, die die Monarchie aus dem Exil stürzen wollten, wie sehr Maugham unter seiner zerrütteten Ehe leidet und Angst hat, die gemeinsame Tochter zu verlieren. Dabei zeigt sich nicht nur, wie sehr das Schicksal einer engen Freundin Lesleys sie geprägt hat, sondern auch, wie stark gesellschaftliche Konventionen das scheinbar perfekte Leben der beiden Protagonisten beeinflussen. Seit April 2026 ist der von Michaela Grabinger übersetzte Roman auch als Taschenbuch erhältlich. Mehr zum Roman auch hier: Monatsblatt Mai 2025.

Dritter Stopp: Korea

Sklavin, Fluchtkünstlerin, Mörderin, Terroristin, Spionin, Geliebte, Mutter und Hochstaplerin: All diese Leben soll Frau Mook, die Bewohnerin des Pflegeheims Golden Sunset, gelebt haben. In Die acht Leben der Frau Mook von Mirinae Lee, übersetzt von Karen Gerwig, zeichnet die Autorin diese Leben nach. Sie erzählt die Geschichte von Frau Mook weder chronologisch, noch wird abschließend klar, ob all diese Leben tatsächlich so stattgefunden haben. Klar bleibt jedoch, dass hier ein vielschichtiger Roman vorliegt, der das 21. Jahrhundert umspannt, von zwei Kriegen erzählt und ein Land in den Blick nimmt, das durch eine Grenze getrennt wird. Ich habe den Roman auf Englisch im Original gelesen und hatte damit einige Herausforderungen, insbesondere beim Erfassen der Zusammenhänge aufgrund der nicht chronologischen Erzählweise. Ich kann mir vorstellen, dass die deutsche Übersetzung hier zugänglicher ist.

Weitere Buchtipps zu Korea hat Luise in Das Land der Morgenstille: Neue Buchtipps zu Korea zusammengefasst. Und hier gibt es meinen Beitrag zur Literaturnobelpreisträgerin Han Kang zum nachlesen: Auf den Spuren.


Vierter Stopp: Sri Lanka

V. V. Ganeshananthan nimmt uns in Der brennende Garten mit in jene Jahre des Bürgerkriegs und in den Norden Sri Lankas, wo die junge Tamilin Sashi mit ihrer Familie lebt. Sie hat nur einen Wunsch: Ärztin werden, wie ihr Großvater und ihr geliebter älterer Bruder. Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs verändert sich alles. Für Sashi, ihre Familie und für den Nachbarsjungen K., in den sie verliebt ist. Ohne gefühlt ihrer Protagonistin eine Richtung aufzuzwingen, folgt die Autorin Sashi auf dem Weg durch den Krieg und Ausbildung zur Ärztin, mit all ihren Irrtümern, Zweifeln und Entscheidungen. Besonders berührt haben mich ihre Verletzlichkeit, ihre Unsicherheit und die beinahe nüchterne Neutralität, mit der Ganeshananthan sie dabei betrachtet. Der Bürgerkrieg wirkt stellenweise wie ein Rausch aus Gewalt und Grausamkeit, der an Sashi vorbeifegt, obwohl sie ein Teil von ihm ist und in dem sie ihre eigenen Kämpfe ausfechtet. Durch das sachbuchartige Design der Kapitel wird Der brennende Garten zu einem intensiven Deep Dive in die Geschichte eines Landes, das ich bislang nur als Urlaubsland kannte. Übersetzt von Sophie Zeitz


Fünfter Stopp: Japan

Entgegen der vermutlichen Erwartungen schreibe ich an dieser Stelle nicht über einen Roman von Haruki Murakami, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Stattdessen haben mich zwei Autorinnen besonders beschäftigt, die auf ganz unterschiedliche Weise auf gesellschaftliche Normen in Japan blicken.

Brüste und Eier von Mieko Kawakami setzt sich intensiv mit Fragen von Körper, Schönheit und Kinderwunsch auseinander. Im Zentrum stehen zwei Frauen, die versuchen, ihren eigenen Weg jenseits gesellschaftlicher Erwartungen zu finden. Kawakami erzählt ruhig und gleichzeitig eindringlich von Selbstbestimmung und den Zwängen, die damit kollidieren können. Besonders spannend ist dabei, wie offen und differenziert Themen verhandelt werden, die oft noch immer tabuisiert sind. Mehr zum Buch findet ihr in unserem Adventsgeflüster.

Eine Protagonistin, die ebenfalls nicht in die gesellschaftlichen Normen passt, begegnet mir in Die Ladenhüterin von Sayaka Murata. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die bewusst ein Leben außerhalb klassischer Erwartungen führt und als Mitarbeiterin in einem rund um die Uhr geöffneten Supermarkt arbeitet. Was zunächst unscheinbar wirkt, entwickelt schnell eine leise, aber präzise Gesellschaftsanalyse. Murata zeigt mit viel Feingefühl, wie stark der Druck zur Anpassung ist und wie irritierend ein Lebensentwurf wirkt, der sich diesem entzieht. Der Roman ist kurz, zugänglich und zugleich überraschend vielschichtig. Übersetzt von Ursula Gräfe.

Welche Romane würdet ihr zum Thema Asien empfehlen?

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