Stimmungsbarometer Ostdeutschland – Lesetipps vor den Landtagswahlen

Diesen Herbst wird in gleich drei Bundesländern der Landtag bzw. in Berlin das Abgeordnetenhaus gewählt. Lange wurde wohl schon nicht mehr so gespannt und angespannt zugleich auf die Wahlen geschaut. Die AfD belegt in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei Prognosen aktuell den 1. Platz. Mit über 40 % Wählerstimmen in Sachsen-Anhalt besteht die realistische Möglichkeit, dass Spitzenkandidat Ulrich Siegmund mit seiner als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei als stärkste Kraft allein die Regierung stellen kann. Das ist derzeit ein realistisches Szenario. Deshalb gilt diese erste der drei Wahlen am 6. September als Schicksalswahl.
Doch die AfD ist längst kein rein ostdeutsches Phänomen (mehr), das man entsprechend als „typisch Osten“ abtun könnte. Sie liegen momentan bei bundesweiten Wahlumfragen insgesamt weit vorne.
Die kommenden Wahlen in Ostdeutschland sehen wir also unter einem Brennglas, sie werden ein wesentliches Stimmungsbild aufmachen. Es ist ein Puls-Check: Wie konnte es so weit kommen? Was können die Wahlen und deren Ergebnisse für uns alle bedeuten?

Wer uns bereits länger folgt, weiß außerdem, dass wir immer wieder gerne sowohl Sachbücher als auch Romane lesen, die sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Ostdeutschland beschäftigen, nicht zuletzt da wir dort geboren sind. So sind wir der Meinung, dass beim Beantworten der Fragen, beim Hinterfragen der eigenen Filterblasen Bücher helfen können, neue Perspektiven einzunehmen. Wir haben ein paar zusammengetragen, die unser Verständnis zumindest entsprechend erweitert haben.

Buchtipps Landtagswahlen Ostdeutschland

Unsere Backlist-Favoriten

Sachbücher:
Valerie Schönian : Ostbewusstsein (inklusive Interview mit der Autorin)
Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann: Drei Ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat

Romane:
Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen (+Filmtipp)
Hendrik Bolz: Nullerjahre
(Aus Ruinen als neues Buch von Hendrik Bolz erscheint am 1.10.26)
Annett Gröschner: Schwebende Lasten (inklusive Interview mit der Autorin. Der Roman spielt in Sachsen-Anhalt.)

Neuerscheinungen – Buchempfehlungen

Monchi: Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der Ostdeutschen Provinz
Erschienen im August 2026

Monchi, Frontmann der Band Feine Sahne Fischfilet, kehrt in seine vorpommerschen Heimat zurück, will bleiben und dort etwas bewegen. Deshalb schreibt er in seinem neuen Buch über sein Leben in der Provinz in Mecklenburg Vorpommern und wie er trotz Problemen und dem Rechtsruck in seiner Heimat nicht den Optimismus verliert. Was das Buch auszeichnet, ist seine radikale Ehrlichkeit. Monchi schreibt mitten aus dem (ostdeutschen) Leben, mit all seinen Ecken, Kanten und vermeintlichen Widersprüchen.
Besonders macht das Buch aus, dass es keine einfachen Antworten liefert. Monchi verfällt nicht in reines Schwarz-Weiß-Denken, sondern plädiert leidenschaftlich dafür, auch dort gemeinsam anzupacken, wo die Fronten verhärtet scheinen: sei es allen voran durch sein etabliertes Dorffestival Wasted in Jamen, beim Bau eines Skateparks für die Jugend oder in der Kneipe, wenn gerade die AfD mit ihrem Stammtisch tagt. Oder wenn eigentlich einst gute Bekannte, Nachbarn, Weggefährten sich plötzlich am politischen, rechten Rand sehen.
So legt Monchi zurecht Wert darauf, Ostdeutsche weder als homogene Masse, noch alle AfD-Sympathisanten als hoffnungslose Fälle zu betrachten. Er zeigt, wie entscheidend Engagement und zivilgesellschaftliche Vielfalt vor Ort sind. Hier wünscht er sich mehr Menschen, die in den ländlichen Raum zurückkehren.

Wer das Thema nur mit „da der böse Osten, hier der gute Westen“ abtun will, macht es sich zu einfach. Für mich ist all das viel mehr ein Stadt-Land-Thema. (S. 31)

Das Buch von Monchi ist vor allem eines: seine persönliche Sichtweise auf die (ostdeutsche) Welt. Er ist dabei, Luises Ansicht nach, mehr als authentisch. Im Hörbuch hört man noch dazu den charmanten, norddeutschen Dialekt des Autors. Jenseits der Brandmauer ist ein nahbares und mutiges Plädoyer für den Dialog.

Marieke Reimann: Zweite Wende. Warum Ostdeutschland uns alle angeht.
Erschienen im August 2026

Reimann plädiert dafür, aufzuhören, die ostdeutsche Region durch die westdeutsche Klischee-Brille zu betrachten. So erfrischend ist der konstruktiv kritische Blick der Autorin in Zweite Wende.

Als in Rostock aufgewachsene Journalistin, die wie wir die DDR nicht mehr aktiv miterlebt hat, sich aber „diffus ostdeutsch“ fühlt, verbindet Marieke Reimann persönliche Erfahrungen und Eindrücke mit belegbaren Studien und sehr aktuellen Zahlen. Was ihr besonders gelingt, ist es, die Medienlandschaft und -Berichterstattung kritisch unter die Lupe zu nehmen: So analysiert sie, wie der Osten in den weitestgehend westdeutsch geprägten Redaktionen als fremd betrachtet und lange oftmals auf Stereotypen reduziert wurde. Reimann selbst gehört zu einer der wenigen, ersten ostdeutschen Führungskräfte und kann von eigenen Erfahrungen sprechen. Medien in Deutschland sind wie Vorstände, Justiz und Führungsebenen vor allem eines: homogen weiß, westdeutsch und wohlhabend geprägt.

Zugespitzt könnte man sagen: Der Osten wurde erst dann interessant, als er sich wieder anders verhielt (…) S.117

Reimann fordert mehr Repräsentation von ostdeutschen Stimmen in Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur. Zwar sind viele Thesen im Buch nicht allzu neu. Doch gibt Reimann nochmal einen anschaulichen Überblick zur Debatte und wirft zusätzlich spannende Fragen auf, von: Braucht es endlich ein ostdeutsches Leitmedium? Gibt sich Friedrich Merz zu westdeutsch, weshalb viele ihn in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg Vorpommern oder Brandenburg nicht greifen können? Bis hin zu, ob Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel unsere neuen ostdeutschen Vorbilder sind, die es so dringend braucht?

Fazit

Die Neuerscheinungen vereint junge, selbstbewusste Stimmen der Nachwendegeneration, die eine neue Perspektive und frischen Wind in die Ost-, Westdeutsche Debatte reinbringen und dabei radikal ehrlich bleiben. Vor allem legen sie Wert darauf, nicht zu pauschalisieren.
Beide Bücher bestätigen entsprechend, dass Ostdeutschland mehr ein Spiegel dessen ist, was den Nährboden für Populismus, plakative Meinungsmache und rechtsextremes Gedankengut ermöglicht: etwa strukturschwache Gebiete sowie das Gefühl des Abgehängtseins und des Nichtgesehenwerdens. Diese strukturellen Probleme sind mittlerweile bundesweit zu finden, auch in Regionen wie z.B. dem Ruhrgebiet – weshalb die Wahlen im Herbst letztendlich ein wichtiges Stimmungsbarometer bilden über die Zufriedenheit mit der Politik und Situation im Land. So sind es eben nicht nur Landtagswahlen im Osten, sondern sie gehen uns in ganz Deutschland an.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September statt. Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wählen am 20. September.

Weiterführende Lesetipps und Links:

Kommentar verfassen