Themengeblätter: Offene Gesellschaft

Wie offen ist unsere Gesellschaft wirklich? Eine Buchauswahl.

Wir sind Teil unserer Gesellschaft. Wir gestalten sie mit, indem wir unsere Meinung äußern, wählen gehen und uns für sie engagieren, sei es beruflich, privat oder ehrenamtlich. Wir leisten einen gesellschaftlichen Beitrag, indem wir als jede_r einzelne_r für Gleichberechtigung und ein soziales Miteinander einstehen. Doch wie gerecht und solidarisch ist unsere Gesellschaft wirklich?

Themen wie das Integrationsproblem, Gender Pay Gap oder die tatsächliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigen beispielhaft auf, dass es noch Lücken in unserem sozialen System gibt. Deutschland möchte ein dynamisches Land werden, das wächst. Dennoch schließt es seine Grenzen für Migranten. Dennoch gibt es immer noch wesentliche Unterschiede in Bezug auf Aufstiegschancen und Gehälter zwischen Frauen und Männern. Dennoch wird jungen Familien kein Kita-Platz für ihr Kind sicher gewährleistet. Wie kann das sein? Inwiefern müssen wir konservative Dogmen in unserer Gesellschaft überwinden und gerechtere, politische Rahmenrichtlinien schaffen?

Das diskutieren auch die folgenden fünf Bücher (vier Sachbücher und ein Roman), die ich euch vorstellen möchte. Sie greifen Fragen und Kritikpunkte auf, die das Siegel für eine offene, gerechte Gesellschaft sowie gelebte Gleichberechtigung in Deutschland hinterfragen. Dabei verfolgen sie unterschiedlichste Ansätze:

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„Haymatland“, „Die Hungrigen und die Satten“ und „Eure Heimat ist unser Albtraum“ beschäftigen sich mit den Themen Migration, Heimat und offene Gesellschaft.

Dunja Hayali: Haymatland. Wie wollen wir zusammenleben? (erschienen am 12. Oktober 2018, Ullstein Buchverlage)

Es ist eine Streitschrift einer bewundernswerten Moderatorin und Fernsehjournalistin (u.a. ZDF-Morgenmagazin). Sie wurde bereits mehrfach durch Hasskommentare verbal attackiert oder auch öffentlich bedroht. Vor allem seit 2015 und der sich seit dem entwickelten „Flüchtlings-Krise“ (es ist und bleibt ein nerviger Begriff) verschärfte sich die Situation für Dunja Hayali. Sie hat zwar irakische Wurzeln, ist aber selbst in Deutschland geboren. Als ihre Eltern nach Deutschland auswanderten, haben sie sich schnell im Ruhrgebiet zu Hause gefühlt und sich integriert. Dunja Hayali hat sich immer als Deutsche gesehen und gefühlt.

Mit ihrer Streitschrift möchte sie nach einem neuen Begriff von Heimat suchen, der eine vielfältige Perspektive dessen einschließt. Dieses Wort sei in Deutschland negativ konnotiert beziehungsweise ist es in seiner Definition sehr begrenzt. Bedeutet es, Deutschland als Heimat zu bezeichnen, tatsächlich bestimmte „deutsche“ Werte zu erfüllen oder „deutsche“ Wurzel zu haben? Und können wir als privilegierte Deutsche tatsächlich Deutschland als Heimat für uns allein beanspruchen? Leider findet diese Ansichtsweise wieder verstärkt im öffentlichen Raum Anklang und schürt mit einem unrealistischen Feindbild des „Anderen“ unrealistische Ängste. Umso wichtiger ist es, sich wie Dunja Hayali für eine offene Gesellschaft engagieren. In ihrem Buch hinterfragt sie nicht nur konstruktiv das bestehende Bild, sondern gibt auch einen Ausblick, wie ein neuer Begriff von Heimat aussehen könnte beziehungsweise was ihr Haymat-Begriff ist.

Welt.de – Besprechung zu Dunja Hayalis „Haymatland“ (12.10.2018)

Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum (erschienen am 22. Februar 2019, Ullstein Buchverlage)

Es ist eine Sammlung diverser Essays von Journalist_innen und Autor_innen. Sie haben Ausgrenzung durch den Staat oder aber durch ihre Mitbürger hautnah erlebt und mussten jeweils in Deutschland rassistische Anfeindungen am eigenen Leib erfahren. Sie haben jeweils einen anderen kulturellen Ursprung, sehen sich aber (auch) als Deutsche. „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ist ein Manifest, das den Spiegel vorhalten soll. Die Autor_innen der Essays hinterfragen, wie offen Deutschland als Gesellschaft wirklich ist. Sie zeigen auf, wie schwer es ihnen mitunter fällt, in Deutschland zu leben sowie das Land als Heimat zu akzeptieren.  Was passiert zum Beispiel, wenn man eine andere Hautfarbe hat, in der Öffentlichkeit eine andere Sprache spricht, eine Frau ist und sich zudem noch als lesbisch, schwul oder binär outet? Was passiert also, wenn man in viele Schubladen fragiler Gruppen gesteckt werden kann und so angreifbar für diverse Formen von Diskriminierung wird? Die Autor_innen nehmen kein Blatt vor dem Mund, schreiben was ihnen schon lange unter den Nägeln brennt und endlich schwarz auf weiß manifestiert werden sollte. Es ist keine seichte Streitschrift, da sie schonungslos ist, doch sind es Worte, die unbedingt gesagt werden sollten!

„Deshalb sind zwei Worte im Buchtitel Lila gefärbt wie der Hintergrund: Denn nicht die Herausgeber_innen und Autor_innen dieses Buches entscheiden, wo das „Wir“ endet und das „Ihr“ Beginnt. Sondern jede_r Leser_in bestimmt es für sich selbst.“  (S.10)

FAZ.net: Anna Prizkau, Nervt, bitte! – über „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (04.03.2019)

Roman: Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes (erschienen am 27. August 2018, Eichborn Verlag/ Bastei Lübbe)

Was passiert, wenn Europa die Grenzen für Flüchtlinge schließt und diese Grenzen unüberwindbar werden, sogar auf dem Fußweg über die grüne Grenze für tausende Flüchtlinge? Eine Satire. Mehr zum Roman in meiner Rezension.

Spiegel-Online Interview: Arno Frank mit Timur Vermes (27.08.2018)

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Wie gleichberechtigt ist die deutsche Gesellschaft wirklich? 3 Bücher mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu diesem Thema.

Sofie Passmann: Alte Weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch (erschienen am 07. März 2019, Kiepenheuer & Witsch)

Sofie Passmann nähert sich dem Thema Feminismus einmal anders, indem sie das vermeintliche Feindbild fragt: Was denken alte weiße Männer über den neuen Feminismus und wo sehen sie betreffend der Gleichbehandlung der Geschlechter noch Handlungsbedarf? Eine Frage, die alle Interviewpartner beantworten sollen, ist, ab wann man ein alter weißer Mann ist und ob sie sich selbst als solche betrachten. Es sind Journalisten, Fernsehredakteure, Schauspieler, Meinungsmacher unterschiedlichen Alters. Jedoch haben sie Einfluss, sind erfolgreich und können von dem Privileg ein Mann zu sein profitieren und so dem Bild eines alten weißen Mannes entsprechen. Deutlich wird, dass Konsens besteht, dass auch heutzutage in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch keine Geschlechtergerechtigkeit herrscht. Frauen müssen sich einmal mehr beweisen, bevor sie die Karriereleiter hochklettern. Der ehemalige Chefredakteur der BILD Kai Diekmann (Kapitel 4) gibt unter anderem zu bedenken, dass Frauen schlechter netzwerken würden als Männer. Das liegt meiner Meinung nach unter anderem daran, dass Frauen auf Führungsebenen unterrepräsentiert sind und so untereinander gar kein Netzwerk aufbauen können. (Sofie Passmann vergleicht es mit der Rauchercommunity, die Geheimabsprachen in der Raucherecke ausmacht, was nun Feministinnen tun sollten. Leider hinkt dieser Vergleich für mich, als dass es die Nichtraucher waren, die in der Rauchfrei-Debatte erst einmal gehört werden mussten.)

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„Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann

Die Äußerungen der Interviewpartner bestätigen letztendlich auch, dass sie  selbst mitunter noch zu wenig dafür tun, den Gender Gap unserer Gesellschaft zu schließen. Sie wollen sich genauso nicht eingestehen, dass sie privilegiert und diesbezüglich alte Weiße Männer sein könnten. Sofie Passmann gelingt ein sehr witziger Schlagabtausch. Sie provoziert, bohrt nach und vor allem bringt sie es mit ihrem klugen Zynismus immer wieder auf den Punkt.

Sofie Passmann im Kölner Treff, Frauentags-Special (08.03.2019)

Jenna Behrends: Rabenvaterstaat. Warum unsere Familienpolitik einen Neustart braucht (erschienen am 31. Januar 2019, dtv)

Die Gretchenfrage unter Eltern: „Musst oder willst du wieder arbeiten?“ (S. 27)

Jenna Behrends ist eine Berliner Politikerin, ist studierte Juristin, hat zusätzlich eine journalistische Ausbildung absolviert und bekam mit 23 Jahren ein Kind. Die Frage, die ich mir dabei unmittelbar stellte, war: Wie bekommt diese Wonder Woman verdammt noch einmal das alles unter einen Hut? Und mit dieser Frage treffe ich bereits den Kern des Buches: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist noch immer nicht selbstverständlich in Deutschland. Auf jeden Fall scheint es nicht unbedingt (nur) der Verdienst unseres Vaterstaates, dass Jenna Behrends alles managen kann. Kindergeld ist für die Autorin zur Sicherung des Existenzminimums von Familien selbstverständlich und keine heroische Tat unseres Staates. Ehegattensplitting unterstützt weniger Familien, in denen beide Elternteile arbeiten.

Vor allem ist Familienpolitik undurchsichtig. Denn eigentlich stehen jungen Familien mehr Hilfeleistungen zur Verfügung, als sie meist wissen. Man kennt sie einfach nicht: Beispielsweise sind Kinderbetreuungskosten von der Steuer absetzbar, Eltern erhalten eine Förderung bei der Riester-Rente oder zahlen niedrigere Beiträge bei der Pflegeversicherung. Jenna Behrends fordert eine Vereinfachung und Bündelung familienpolitischer Maßnahmen.

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Eine schöne, persönliche Widmung der Autorin Jenna Behrends!

Die Autorin bereitet ein komplexes Thema sehr gut verständlich auf und zeigt die wesentlichen Defizite unserer vermeintlich familienfreundlichen Gesellschaft auf. Zwar ist Familiengründung in Deutschland wieder salonfähiger geworden, so müssen dennoch weiterhin viele Hürden für junge Familien überwunden werden, um tatsächlich Karriere und Familie für beide Elternteile miteinander vereinbaren zu können. Außerdem muss der Staat noch mehr bereit sein, zu unterstützen, Familiengründung finanziell zu fördern und sollte seine Leistungen transparenter machen. Provoziert formuliert, es sollte nicht der Eindruck gewonnen werden, Schweine seien wertvoller als Familien (Kapitel 5).

Edition F: Zu Rabenvaterstaat + Buchauszug

Fazit

Es ist ein guter Schritt, dass wir über die Probleme und Herausforderungen von Gleichberechtigung und gleichberechtigter Teilhabe im öffentlichen Diskurs sprechen. Aber allein dass wir drüber reden müssen, zeigt auf, dass wir auch noch Handlungsbedarf haben. Eine offene Gesellschaft bedeutet für mich eine transparente Gesellschaft in der Vielfalt gefördert und diese auch offen gelebt wird, sei es im Bereich Integration, Gleichberechtigung und Diversität oder Nachwuchsförderung.

Also lasst uns handeln und eine offene Gesellschaft leben. Ein nächster Schritt in diese Richtung? Kauft euch diese Bücher und lernt von ihnen.

 

Als journalistische Grundlage wurden mir Rezensionsexemplare von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Dies diente vor allem zur Recherche und inhaltlichen Grundlage. Herzlichen Dank an die Verlage für die Bereitstellung!

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