Europäisch und Preisgekrönt, eine Rezension zu „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse

Der Gewinner des deutschen Buchpreises, erschienen September 2017

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Robert Menasse wurde 2017 der renommierte Deutsche Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verliehen. Das in seinem Buch behandelte Thema könnte brisanter nicht sein – die Frage nach der Identität, der Glaubwürdigkeit und Legitimation der Europäischen Union. Meine Masterarbeit schrieb ich über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption innerhalb der EU. Dementsprechend interessierte es mich, inwiefern Menasse es gelingen könnte, die EU-Politik kritisch darzustellen und gleichzeitig die komplexe Kontroverse in einen spannenden Roman zu verpacken. Hat er meiner Meinung nach den wichtigsten Preis der deutschen Buchlandschaft verdient?

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„Die Hauptstadt“ von Robert Menasse – Preisträger des Deutschen Buchpreises 2017

Inhalt

In Brüssel laufen die Fäden zusammen. Die Stadt ist Hauptsitz verschiedener Internationaler Organisationen, so haben sowohl die Europäische Kommission, das Europäische Parlament als auch der Rat der Europäischen Union ihren Sitz in der Stadt – hier wird EU-Politik gemacht.

Auch in dem Buch „Die Hauptstadt“ laufen einige Fäden zusammen. Fenia Xenopolou glaubt einen wichtigen Sprung auf der Karriereleiter gemacht zu haben, indem sie die Generaldirektion der Kultur in der Europäischen Kommission leiten darf. Jedoch muss sie feststellen, dass die Kulturdirektion von allen anderen eher belächelt und als Stiefkind der EU-Kommission behandelt wird. Nun bekommt sie die Aufgabe, das Image der Europäischen Kommission aufzupolieren und möchte damit punkten.

Die zündende Idee kommt von ihrem Mitarbeiter Martin Susmann bei seinem Aufenthalt in Auschwitz, Anlass ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar. Die Europäische Kommission habe ihre Legitimation darin, dass Auschwitz nie wieder geschehe.

David de Vriend überlebte den Holocaust, indem er von einem Transportzug absprang. Nun lebt er im Altersheim in Brüssel und hat am meisten damit zu kämpfen, dass er immer mehr seiner Freunde überlebt und sie von der Liste streichen muss.

Zu kämpfen hat auch der Kommissar Brunfaut mit einem Mordfall, der ihm aus politischen Gründen entzogen wurde. Einflussreiche politische Institutionen scheinen involviert.

Der Professor in Volkswirtschaft Alois Erhart soll bei einem Think Tank mit weiteren Experten über eine Vision für Europa nachdenken und stößt auf ähnliche Herausforderungen wie die Kulturdirektion der Europäischen Kommission.

Derweil alle Protagonisten mit ihrem ganz persönlichen Herausforderungen zu tun haben, macht zu allem Überfluss ein umherlaufendes Schwein ganz Brüssel verrückt.

Kritik

Die Hauptstadt ist ein facettenreicher, intellektueller Gesellschaftsroman. Menasse gelingt es, komplexe Handlungsstränge, die nebeneinander herzulaufen scheinen, mit der Zeit miteinander geschickt in Zusammenhang zu setzen. Er verknüpft eine politische, historische und unterhaltsame Komponente. Es werden die Problematiken der Machtverhältnisse innerhalb der EU , aber gleichzeitig auch die Bedeutung des Zusammenschlusses für unser heutiges transnationales Zusammenleben klar aufgezeigt, was in der Historie begründet ist. Der Autor scheint in seinem Roman selbst die Legitimation der EU beweisen zu wollen.

Menasse gelingt die Kür: Er spricht die große Themen unserer Zeitgeschichte und modernen, internationalen Gesellschaft an und verpackt sie in einen spannenden, unterhaltsamen Roman. Er verknüpft viele Fäden. Umrundet wird alles von einem roten Faden, dem frei umherlaufenden Schwein als Symbol für die Absurdität kleinlicher Bürokratie. Obwohl Brüssel größere Probleme beschäftigen sollte, macht ein Schwein die Stadt verrückt. Menasse zeigt an diesem Stilelememt für mich, wie ironisch Politik und Gesellschaft sein können, indem sie den kleinen, unwichtigen Dingen manchmal mehr Beachtung zu geben scheinen, als die wirklich wichtigen Entscheidungen zu treffen. In dem Roman wird nämlich auch deutlich, dass vor allem die genaue Festlegung von Zuständigkeiten in der EU eine Herausforderung bleibt. Die Mitgliedstaaten haben weiterhin großen Einfluss und schmälern die Autoritäten der europäischen Institutionen. Hier sollten noch Entscheidungen getroffen werden (dies unterstützt meine Erkennntisse der Masterarbeit im spezifischen Feld der europäischen Instanzen zur Bekämpfung von Korruption).

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EU-Politik interessierte mich im Studium besonders. Umso interessanter war nun auch ein Roman darüber

Allein etwas unbefriedigend war für mich letztendlich der Schluss des Romans. Wesentliche Fragen der einzelnen Handlungsstränge blieben ungeklärt, doch vermutlich war es eine bewusste Intention des Autors. Zu Beginn seines Romans philosophiert Menasse darüber, dass der Anfang eines Buches immer eine besondere Herausforderung sei, da jeder Erzählung immer eine Vorgeschichte voran ginge. Insofern könnte mit einem offenen Ende gleichermaßen aufgezeigt werden, dass keine Handlung vollends abgeschlossen bleibt – ein spannender Ansatz, der sich in einem Gespräch mit meiner Mutter über das Buch ergab.

Fazit

Robert Menasse schrieb mit „Die Hauptstadt“ einen mit Ironie versehenen tiefgründigen Roman, der auf eine subtile, unterhaltsame Art zeigt, wie wichtig  und notwendig die EU letztendlich für eine europaweite starke Politik durch Zusammenarbeit bleibt, doch weiterhin verbesserungswürdig in ihrem politischen Handeln und Entscheiden bleibt. Damit hat der Autor seinem Roman ein anspruchsvolles Thema zugrundegelegt, welches er in einen spannenden Plot umgesetzt hat. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises ist meiner Meinung nach mehr als verdient!

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