Zugegeben, bei kaum einem Kontinent fiel es mir schwerer, mich ihm literarisch zu nähern, als bei Nordamerika. Dabei gibt es dort so viele tolle Autorinnen und Autoren, von denen wir selbst auch schon Romane gelesen und besprochen haben, wie Margaret Atwood, Paul Auster und Coco Mellors. Um nur drei zu nennen, die mir spontan einfallen. Nun habe ich versucht, ein paar Besonderheiten herauszusuchen. Romane die sich eher abseits des Mainstreams bewegen. Bücher, die uns nichtsdestotrotz ein Gefühl für ein Land, die Menschen, die es bewohnen, und seine Geschichte vermitteln können.


Mexiko
„Mexiko ist ein frauenfressendes Monster. Mexiko ist eine Wüste aus Knochenstaub. Mexiko ist ein Friedhof aus rosa Kreuzen. Mexiko ist ein Land, das Frauen hasst.“ (S. 171) Dahlia de la Cerdas Reservoir Bitches ist oft rau, wild, unbequem und alles andere als lieb. In ihrer Kurzgeschichtensammlung porträtiert sie eben jene Frauen, die oft gehasst und ebenso oft umgebracht werden: Hausfrauen, Prostituierte, Kleinkriminelle, Narco Töchter und Influencerinnen. Es sind Frauen, die der gewalttätigen Umgebung der Städte und Dörfer des Landes ausgesetzt sind und von der Autorin zu Heldinnen stilisiert werden, deren Geschichten sie damit öffentlich macht. Ich war vor allem von dem Ton begeistert, der alles andere als bequem und oft schwarzhumorig ist. Es ist eben jener sarkastische Ton, den man in der Belletristik nicht oft zu lesen bekommt, bzw. eher Männern zugeschrieben wird, der aber für die Schicksale der Frauen in den einzelnen Geschichten mehr als angemessen erscheint. Das Besondere ist, dass trotz der einzelnen, abgeschlossenen Erzählungen die eine oder andere Protagonistin in einer weiteren Kurzgeschichte auftaucht und sich so ein stimmiges, fast schon romanhaftes Gesamtbild ergibt. De la Cerdes hat mit Reservoir Bitches ein Land porträtiert, das tief gespalten von Reichtum und Armut, geprägt von Gewalt und Drogenhandel ist. Dabei beschönigt sie nicht, sondern holt all das Übel hervor, welches wir erwarten, vorzufinden. Der Roman war 2025 für den internationalen Booker Prize nominiert. Aus dem mexikanischen Spanisch von Johanna Malcher.
Vereinigte Staaten von Amerika
In Territorium* von Sabrina Janesch spüren wir der Geschichte Hawai’is nach. Mir war vor dem Lesen des Romans völlig unbekannt, dass Hawaiʻi bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Königreich war, regiert von seiner Königin Liliʻuokalani. Doch amerikanische Geschäftsmänner greifen nach der Macht und wollen das Königreich zu Fall bringen und Hawaiʻi an die USA anbinden. Eine Gruppe von Einwohnerinnen und Einwohnern, allen voran die Königin, ihre deutsche Vertraute Gertrude Wolf und die hawaiische Journalistin Emma Nāwahī, widersetzt sich diesem Vorhaben. Es kommt zu einem bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit Hawaiʻi. Während ich Territorium verschlang, war mein Wikipedia Suchverlauf voll mit Daten, Personen und Orten, die im Roman immer wieder eine Rolle spielen. Janesch orientiert sich an wahren Begebenheiten und fiktionalisiert diese so spannend, dass man unvermittelt in dieses faszinierende, für mich eher unbekannte Kapitel der Weltgeschichte hineingezogen wird. Besonders fand ich die starke Involvierung der Deutschen, die auf Hawaiʻi lebten und sich auf unterschiedliche Seiten des Konflikts stellten. Während sich einige für die Unabhängigkeit einsetzten, unterstützten andere die neuen Machthaber. So wurde neben dem amerikanischen Präsidenten auch Kaiser Wilhelm II. involviert, mit dem Ziel die Spannungen zu beenden. Die große Kraft des Romans liegt dabei sicherlich in Janeschs Talent, historische Fakten so lebendig werden zu lassen, dass Territorium nicht nur ein historischer Roman ist, sondern auch die Figuren und die Inselgruppe in all ihrer Schönheit zum Leben erweckt.
Julia Malye ist eine französische Autorin, die mittlerweile in den USA lebt und mit Pelican Girls, auf Deutsch unter dem Titel La Louisiane erschienen, einen historischen Roman geschrieben hat, welcher die Verbindung zwischen eben diesen beiden Ländern hervorhebt. Dabei verfolgt sie junge Frauen, die in der Pariser psychatrischen Anstalt La Salpêtrière leben und als „Freiwillige“ nach Louisiana verschifft werden. Dort sollen sie mit französischen Siedlern verheiratet werden, um den Fortbestand der französischen Kolonie zu sichern. 88 zumeist sehr junge Frauen werden ausgewählt, unter ihnen Charlotte, Geneviève und Pétronille, die während der gefährlichen Überfahrt zu Freundinnen werden. Die Verbundenheit zwischen den drei Frauen bleibt auch bestehen, nachdem sie verheiratet wurden und in unterschiedliche Gebiete der Kolonie gezogen sind. Julia Malye verfolgt diese drei Frauen, wobei die Kapitel abwechselnd aus einer ihrer Perspektiven erzählt werden. Das schafft insbesondere in dem Teil nach ihrer Ankunft in Louisiana eine starke Verbundenheit zwischen den Lesenden und den Protagonistinnen. Neben der Ungeheuerlichkeit, dass Frauen einfach so als „Freiwillige“ verschickt wurden, hat der Roman für mich besonders hervorgehoben, wie mühsam es im 18. Jahrhundert gewesen sein muss, einen völlig neuen Kontinent zu besiedeln. Oft wird dies in Filmen eher romantisch dargestellt. Doch welche Mühen und auch Konflikte mit den Ureinwohnern damit verbunden waren, wird von Malye ganz greifbar herausgearbeitet. Ein sehr besonderer Roman, der ins deutsche von Sina de Malafosse übersetzt wurde.
Oft besprochen und mit dem Pulitzerpreis 2025 ausgezeichnet wurde James von Percival Everett. Eine kurze Erwähnung soll der Roman trotzdem in diesem Beitrag finden. Denn die Geschichte von Huckleberry Finn, aus der Sicht des versklavten Jim erzählt, hat mich im Sommerurlaub sehr gefesselt. Der Kniff, dass die versklavten Menschen im Roman so tun, als wären sie dumm, um die vorherrschende weiße Gesellschaft zu täuschen, ist dabei ebenso unterhaltsam, wie er einen traurigen, wahren Kern berührt. Everett greift nach dem amerikanischen Mythos, schüttelt ihn einmal durch und das, was dabei herauskommt, können wir in James nachlesen. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Kanada
Kanada ist ebenso ein Einwanderungsland wie die USA, und die neuere Einwanderungsgeschichte lässt sich in Wo die Wasser sich begegnen von Zhang Ling gut nachfühlen. Zhang Ling ist gebürtige Chinesin, ebenso wie ihre Protagonistin, und emigrierte 1986 nach Kanada. Vor diesem Roman hatte sie ihre oft ausgezeichneten Erzählungen und Romane auf Chinesisch geschrieben. Wo die Wasser sich begegnen ist der erste Roman, den sie auf Englisch verfasste. In der Danksagung schreibt die Autorin: „Während des Schreibens war ich mir der Distanz zwischen meinem hyperaktiven Gehirn und der teilweise gelähmten Zunge stets bewusst, ein typisches Problem für jemanden, der sich mit einer Zweitsprache herumschlägt. Als Hirn und Zunge schließlich zusammenfanden, entdeckte ich eine neue Welt, völlig verschieden von der vertrauten, alten Welt, die aus meiner Muttersprache gebaut war.“ Die Übersetzerin Susanne Hornfeck bringt in einer Nachbemerkung die Besonderheiten eben dieses translingualen Schreibens zum Ausdruck und erläutert, unter welchen Bedingungen die Übersetzung entstand. Der Roman von Ling, in dem sie der Geschichte von Phoenix und ihrer Mutter Rain nachspürt, ist dabei ebenso besonders wie seine Entstehung. Nach dem Tod ihrer Mutter beschließt Phoenix, nach China zurückzukehren und sich auf die Spuren ihrer Familiengeschichte zu begeben. Dabei entsteht ein Roman im Roman, der zur Lebensgeschichte von Mutter und Tochter wird, die eng und über den Tod hinaus miteinander verbunden sind.
Denke ich an Kanada, habe ich eine große Weite, dichte Wälder und unendliche Seen vor Augen. Jocelyne Saucier nimmt uns in ihrem Roman Was dir bleibt mit in eben jene ländliche Region und hat dabei einen der schönsten Romane über das Sterben geschrieben, die ich bisher gelesen habe. Die 76-jährige Gladys besteigt eines Tages ohne Ankündigung den Northlander Zug. Sie verschwindet in dem großen Netz aus Zugverbindungen, das den Norden Kanadas durchzieht, und wird dabei von ihrer Nachbarschaft verfolgt. Diese rätselt ebenso wie wir Lesenden, warum Gladys ihre hilfsbedürftige Tochter zurücklässt. Saucier hat, obwohl ein Roman über das Sterben, so viel Lebenskraft hineingelegt und zudem eine Hommage an die Freundschaft geschrieben. Der Chronist ihres Romans bleibt dabei eher unbekannt, auch wenn er sich selbst immer wieder in diese merkwürdig erscheinende Geschichte hineinschreibt. Die Beschreibung einer gewaltigen Weite oder von Kindern, die in Zügen geboren werden und dort aufwachsen, sind nur einige wenige Merkmale, die den Roman besonders machen. Die Strecke, die Gladys auf ihrer Reise zurücklegt, habe ich ebenso gebannt verfolgt wie die Frage, ob ihre Verfolger sie einholen werden. Aus dem Französischen (Quebec) von Sonja Finck und Frank Weigand.
Übrigens: Der Nobelpreis für Literatur ging 2026 an eine kanadische Autorin: Anne Carson. Auch wenn wir bisher noch nichts von ihr gelesen haben, soll dies an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Bisherige literarische Weltreisen:
*Rezensionsexemplar





