Nach einer Sommerpause geht es mit unserer literarischen Weltreise direkt weiter, diesmal in die Karibik und nach Südamerika. Selbst habe ich bisher Costa Rica, Panama und Kuba bereist, literarisch habe ich aber noch ein paar weitere Länder kennengelernt.
Die ausgewählten Bücher könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Sie erzählen von Kolonialismus und seinen Folgen, von Korruption und gesellschaftlichen Missständen, von Herkunft und familiären Wurzeln, aber auch von Liebe, Magie und mystischen Traditionen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Blick hinter die bekannten Bilder der Karibik und Südamerikas richten und dabei ganz unterschiedliche Facetten ihrer Länder sichtbar machen. Von Haiti über Antigua und Trinidad bis nach Chile und Argentinien führt unsere literarische Reise diesmal durch Geschichten, die mich nicht nur in fremde Welten entführt, sondern mir auch neue Perspektiven auf die Länder und ihre Geschichte eröffnet haben.
Haiti
In Erschütterungen von Gary Victor ermittelt Inspektor Dieuswalwe Azémar im Mordfall an der Tochter seiner Freundin. Was zunächst nach satanistischen Ritualen aussieht, führt ihn mitten hinein in Haitis Welt aus Korruption, Politik und organisierter Kriminalität. In An der Kreuzung der Parallelstraßen verbindet Victor religiöse Fantastik mit absurden und magischen Elementen und lässt unter anderem Heiligenstatuen zum Leben erwachen und die Apokalypse näher rücken. Beide Romane zeigen ein Haiti, das aus den Fugen geraten scheint, und werden zu einer schonungslosen Abrechnung mit der haitianischen Gesellschaft. Aus dem haitianischen kreolisch bzw. Französischen von Peter Trier
Antigua
In Nur eine kleine Insel blickt Jamaica Kincaid auf ihre Heimat Antigua und hinterfragt das Bild der karibischen Trauminsel, das Touristinnen und Touristen vermittelt wird. Der lyrische Essay beleuchtet die Folgen von Kolonialismus, Tourismus, Korruption und Ausbeutung und zeigt ein Antigua, das hinter weißen Sandstränden und Ferienanlagen verborgen bleibt. Besonders eindringlich ist Kincaids direkte Ansprache der Reisenden und die Frage, wie viel wir von einem Land tatsächlich sehen, wenn wir es nur als Urlaubsort betrachten. Zugleich richtet sich ihre Kritik an die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf der Insel. Übersetzung von Ilona Lauscher.
Trinidad
In Als wir Vögel waren erzählt Ayanna Lloyd Banwo die Geschichte von Emmanuel und Yejide, deren Leben auf einem Friedhof in Trinidad aufeinandertreffen. Während der junge Rastafari Emmanuel dort als Totengräber arbeitet, erbt Yejide nach dem Tod ihrer Mutter deren Gabe, die Toten sehen und hören zu können. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, in der sich Liebe, Tod und Mystik miteinander verbinden. Besonders gelungen ist der Perspektivwechsel zwischen Emmanuel und Yejide, durch den die unterschiedlichen Lebenswelten und Traditionen Trinidads erlebbar werden. Eine atmosphärische und magische Geschichte, die karibisches Flair mit einer besonderen Liebesgeschichte verbindet. Übersetzung von Michaela Grabinger.
In Tabak und Schokolade erzählt Martin R. Dean die Geschichte eines namenlosen Erzählers, der nach dem Tod seiner Mutter auf die Suche nach seinen eigenen familiären Wurzeln geht. Ein Fotoalbum aus seiner frühen Kindheit in Trinidad führt ihn zurück zu seiner Herkunft und zu einer Familie, deren Geschichte sich über mehrere Kulturen und Länder erstreckt. Dabei verbindet Dean die persönliche Familiengeschichte mit der Kolonialgeschichte Trinidads und zeigt, wie eng beides miteinander verwoben ist. Besonders spannend fand ich die Einblicke in die Geschichte Trinidads und die neuen Perspektiven auf Kolonialismus und Herkunft. Im zweiten Teil des Romans wird die Suche persönlicher und führt zurück in die Schweizer Kindheit des Erzählers und zu den letzten Jahren seiner Mutter, in denen auch der Rassismus innerhalb der Familie sichtbar wird.
Panama
In Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger reist eine namenlose Erzählerin gemeinsam mit einer Theatergruppe nach Panama, um an einem Stück über zwei junge Frauen zu arbeiten, die während einer Backpacking Reise verschwunden sind. Die Reise in den Urwald wird dabei zunehmend auch zu einer Reise in die Geschichten und Gedanken der Menschen, die die Erzählerin begleiten. Elmiger erzählt den gesamten Roman konsequent im Konjunktiv und durchbricht dabei immer wieder verschiedene Erzählebenen. Gerade diese verschachtelte Erzählweise machte den Roman für mich jedoch schwer zugänglich, da sich mir der Bezug zur ursprünglichen Geschichte der beiden Holländerinnen zunehmend entzog. Nichtsdestotrotz soll der mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgesezeichnete Roman auch auf dieser Reise Erwähnung finden.
Chile
In Das Geisterhaus erzählt Isabel Allende vom Aufstieg und Fall einer wohlhabenden Familie und verbindet dabei Liebe, Magie, politische Umbrüche und Vergänglichkeit miteinander. Auch wenn das Land im Roman nicht ausdrücklich benannt wird, lässt sich die Geschichte aufgrund der historischen Ereignisse und Allendes eigener Biografie in Chile verorten. Besonders gefallen hat mir die besondere Atmosphäre des Romans, in der sich Magie und Realität selbstverständlich miteinander verbinden. Zwischen Verlust und Vergänglichkeit erzählt Allende zugleich von Hoffnung und davon, dass selbst in scheinbar aussichtslosen Momenten etwas Neues entstehen kann. Übersetzt aus dem Spanischen von Anneliese Botond.
Brasilien
Allein in Deutschland wird an jedem dritten Tag ein Femizid, also der Mord durch einen der Frau nahestehenden Mann, begangen. Das erschreckende an dieser Statistik ist, dass Täter und Opfer sich kennen und oft eine Familie sind. Zufallstaten oder sexuelle Übergriffe sind da noch nicht eingerechnet. Diesem Thema nähert sich Patricia Melo in Gestapelte Frauen auf ihre ganz besondere Art und Weise. Sie verwebt echte Fälle, die die Kapitel einleiten, in eine Kriminalhandlung. Gleichzeitig taucht die eher rational erscheinende Protagonistin tief in das mystische Brasilien der alten Völker ab. Es entsteht dadurch ein intensiver Roman, der auch Monate später in mir nachhallt und mich für das Thema Femizid nachhaltig sensibilisiert hat. Übersetzung von Barbara Mesquita.
Argentinien
In Nachtflug von Antoine de Saint-Exupéry begleiten wir den Postflieger Fabien, der bei einem Nachtflug über Argentinien in einen unvorhergesehenen Zyklon gerät und um sein Leben kämpft. Während sein Vorgesetzter den Funkkontakt verfolgt, spitzt sich die Situation immer weiter zu, bis die Verbindung zu Fabien abbricht. Der 1931 erschienene Roman hat mich besonders fasziniert, weil er die Herausforderungen der frühen Fliegerei unmittelbar erlebbar macht, als moderne Navigationsgeräte und Satelliten noch keine Rolle spielten. Gleichzeitig ermöglicht der Roman einen spannenden Blick auf Saint Exupéry, der sich selbst Zeit seines Lebens vor allem als Berufspilot verstand. In der 2015 erschienen Ausgabe in der Übersetzung von Hans Reisiger.
Bisherige literarische Weltreisen:








