Ein langer Weg – Eine Rezension zu Elfi Conrads „Schneeflocken wie Feuer“

Nicole Seifert hat in ihrem Sachbuch Frauen Literatur“ ein Thema aufgegriffen, dass uns in der Buchblase immer noch sehr bewegt: Sichtbarkeit von Autorinnen in der zeitgenössischen Literatur und weshalb die Literatur von Frauen häufig als nicht so wichtig eingestuft wird. Oder anders: Warum wird der Kanon wesentlicher Literatur, z.B. in Schulen oder an der Uni oder in Literaturkreisen vor allem von Männern bestimmt? Und weil wir uns in einer Blase bewegen, verspüren wir einen leichten Wind der Veränderung. Die Verlagslandschaft wird weiblicher, die Stimmen werden lauter und doch ist der Weg noch weit. Messen könnten wir es an unserem eigenen Leseverhalten, das immer weiblicher geworden ist und dem wir auf unserem Blog mittlerweile eine eigene Kategorie, das Frauen lesen gewidmet haben. Aber auch über die Buchblase hinweg ist noch viel zu tun. Wie weit der Kampf der Frauen für ihre Stimme zwar schon gegangen ist, doch auch wie tief die systemische Unterdrückung der Frau immer noch ist, nicht nur in der Literatur, ist mir dennoch erst nach der Lektüre dieses Buches so richtig klar geworden.

„Schneeflocken wie Feuer“ von Elfi Conrad
Erschienen im Mikrotext Verlag im Juni 2023

Inhalt

In den 1960er-Jahren, im Oberharz, wächst die 17-jährige Dora auf. Sie will sich gegen die sexuellen Tabus, das veraltete Frauenbild, die patriarchalen Strukturen, die Unterdrückung ihres Vaters, die Langeweile des kleinen Dorfes, das enge Korsett ihrer Jugend zur Wehr setzten und hat sich ihren Musiklehrer als Opfer herausgesucht. Der kann ihrem jugendlichen Charme und ihrer Brigitte-Bardot-Verführungskünste nichts entgegensetzten und lässt sich umgarnen und einlullen, bis er eine Affäre mit seiner Schülerin beginnt. Das Jahr bis zum Schulabschluss ist Gegenstand der Erzählung der 80-jährigen Dora, die durch ein Klassentreffen animiert nun zurück auf diese Zeit blickt. Die Erzählung ist vielschichtig. Denn nicht nur die Verführung des Lehrers ist Gegenstand des Romans, sondern auch das Aufwachsen in der Enge eines Dorfes, die Prägung der Mutter im Zweiten Weltkrieg und ihrer Verehrung für Adolf Hitler sowie ihre Flucht aus Schlesien. Es geht genauso um einen Vater, der zwar da, aber kaum präsent und wenn dann doch mit einer strengen Hand das Haus regiert.

Rezension

Die Autorin Elfi Conrad lässt in ihrem Roman durch Rück- und Einblendungen geschickt Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschmelzen und baut das Erzählte so immer weiter auf. Dabei widmet sie der gegenwärtigen Erzählung und der vergangenen keine eigenen Kapitel, sondern baut ihre Rück- und Vorblenden flüssig in die Kapitel ein. Dabei setzt sich die ältere Dora in meinen Augen sehr wohl kritisch mit dem jüngeren Selbst auseinander: „Die Welt in meinem Kopf werde ich erst ein paar Jahre später geraderücken können.“ (S. 73), indem sie erst Jahre später und nach dem Lesen feministischer Texte begreift, dass das jüngere Selbst – die Verführerin – eine Rolle ist, die ihr durch Sozialisation auferlegt wurde. Es ist die Ältere, die kritisch auf ihre Jugend blickt, die geprägt von der aufopferungsvollen Hilfe im Haushalt, dem Kümmern um die jüngere Tochter und dem Broteschmieren für den strengen Vater ist. Aber auch geprägt von einer Unsicherheit, wie sie nur die jungen Frauen, unabhängig von dem Jahrhundert, in dem sie aufwächst, zu verspüren mag. Es schwingt die Frage nach dem Warum und dem Sinn des Ganzen mit und sicherlich auch, wie man folgende Generationen vor ähnlichen Erfahrungen bewahren kann.

Elfi Conrad untermauert dafür ihren Roman mit Fakten, sowohl mit historischen als auch feministischen Bezug. Wie das in der BRD erst 1956 abgeschaffte Lehrerinnen-Zölibat, oder dass es einer verheirateten Frau Anfang der 1970er nicht erlaubt war, eine Waschmaschine oder ähnliches zu kaufen. Die Autorin ist selbst 80 Jahre alt, wie die Protagonistin, wodurch sich für mich eine stärkere Glaubhaftigkeit einstellt, als wie jeder Text den ich zuvor gelesen habe. Vielleicht ist es auch die Mischung aus poetischer und fast lyrischer Sprache sowie sachlicher Beschreibung, wie ich es am ehesten mit Autobiografien zu vergleichen mag, die mich anspricht.

Fazit

Ich bin froh in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der das gesellschaftliche Frauenbild nicht mehr hieß, Mädchen sollen tüchtig sein, gut aussehen und die perfekte Hausfrau werden. Oder bin ich es doch? Wie weit sind wir wirklich gekommen und wie tief ist die systemische Unterdrückung auch noch heute, 80 Jahre später, trotz des Frauenwahlrechts zum Beispiel. Wie sehr wurden Zugeständnisse unter dem Deckmantel der Partizipation (z.B.: Wahlrecht) gemacht, die aber nicht oder nur kaum gelebt wird? Und warum haben es Geschichten wie der von Elfi Conrad immer noch etwas schwieriger bei großen Publikumsverlagen mit Werbebudgets, wie sie eines Sebastian Fitzek würdig sind, verlegt zu werden? Es sind einmal mehr die kleinen, unabhängigen Verlage, welche vor allem die Fahne hochhalten und so wichtigen Romanen wie „Schneeflocken wie Feuer“ die Plattform bieten. Und es braucht natürlich auch (mehr) Autorinnen wie Elfi Conrad, die der Leserschaft systemische Unterschiede aufzeigen, die vielleicht längst zum Normalen in ihrem Alltag geworden sind. Und das zeigt, dass auch 80 Jahre später, der Weg noch lang ist.

Weiterführende Links zum Roman:

Digitale Buchpremiere
NDR Buch des Monats Juni

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar

Über Mikrotext

Der Verlag mit Sitz in Berlin wurde 2013 von Nikola Richter gegründet. Schwerpunkt des Verlags sind neue Erzählformen und Texte, die von gesellschaftlichen Debatten inspiriert sind. Zur Website des Verlags: https://mikrotext.de/

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