Unentdeckte Geschichte – Eine Rezension zu „Das ferne Dorf meiner Kindheit“ von Yavuz Ekinci


„Mir war meine Religion genommen worden, mein Name, mein Dorf war geplündert worden, meine Angehörigen niedergemetzelt und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen, und ich stand da und schwieg, als hätte ich geschworen, nie wieder zu sprechen.“ (S. 185)

„Das ferne Dorf meiner Kindheit“ von Yavuz Ekinci

Rezensionsexemplar, erschienen im Oktober 2023 im Kunstmann Verlag

Es sind eindringliche Worte, die man in dem neuen Roman von Yavuz Ekinci lesen wird. Yavuz Ekinci, ist Kurde und schreibt Romane und Kurzgeschichten über das Leben und Schicksal der Kurden in der Türkei. Das bleibt vor der türkischen Justiz nicht unentdeckt, die ihn bereits zu einer Haftstrafe verurteilte, nachdem er einen Tweet verfasst hatte, welcher seine Solidarität mit den Kurden bekundete. Sein neuer Roman „Das ferne Dorf meiner Kindheit“, übersetzt von Gerhard Meier, ist ein Familienroman, der nun die Geschichte von Kurden und Armeniern in der Türkei erzählt.

„Das ferne Dorf meiner Kindheit“ von Yavuz Ekinci

Inhalt

Rüstem wächst in einem kleinen und fernen Dorf in den Bergen auf. Seine Mutter ist früh verstorben. Sein Bruder, zu dem er aufschaut, hat das Dorf verlassen und kämpft in den Bergen gegen das Militär. Sein Vater scheint wenig präsent in seinem Leben, aufgezogen wird er eher von seiner Großmutter und seinem Großvater, zu denen er ein enges Verhältnis hat. Besonders letzter erzählt viele Geschichten aus der Vergangenheit, die gespickt mit religiösen Rieten und Aberglauben sind. In der Realität durchsuchen Soldaten häufig das Haus, doch warum, erschließt sich Rüstem erst später. Als er in die Schule kommt, wird im verboten seine Muttersprache Kurdisch zu sprechen, wenig später werden sie aus ihrem Dorf vertrieben. Jahre später, als die Großmutter im Sterben liegt, offenbart sich ihr Geheimnis, denn sie wünscht sich im armenischen Nachbardorf begraben zu werden, neben ihrem ersten Ehemann. Gemeinsam mit seinem Vater wird Rüstem sich auf den Weg zurück in das Gebiet seiner Kindheit machen, das nun im militärischen Sperrgebiet liegt, um den letzten Wunsch der Großmutter zu erfüllen.

Kritik

Das Buch ist unterteilt in drei Abschnitte, die zeitlich gesehen mit dem Aufwachsen von Rüstem beginnen. Der zweite Abschnitt wird aus der Ich-Perspektive der Großmutter erzählt, die im Sterben liegend sich an ihre Vergangenheit erinnert, besonders an die Qualen der Vertreibung aus dem armenischen Dorf, in dem sie aufwuchs. Der dritte Abschnitt begleitet Rüstem und seinen Vater, die den Sarg der Großmutter zurück in das Dorf bringen wollen. Dabei greift der Autor für den ersten und letzten Abschnitt auf die dritte Erzählperspektive zurück, erhöht somit für mich als Leserin den Abstand zum Erzählten. Durch die Ich-Perspektive der Großmutter wird das erlebte dann wieder nahbarer und unmittelbarer. Die Gräueltaten, die ihr und vielen Armeniern in dem Land widerfuhren, sind unbegreiflich und bewegen. Gewalttaten werden zum Teil explizit dargestellt, Leichen säumen die Pfade ihrer Geschichte. Trotz der scheinbaren Härte, mit der hier erzählt wird, schafft es der Autor, dies weder anklagend noch verurteilend zu erzählen. Viel mehr scheinen es zwar Beschreibungen wahrer Begebenheiten zu sein, von denen aber ohne Wertung berichtet wird. Der Roman ist ein Stück Zeitgeschichte, über die Vertreibung zweier alter Kulturen, die auf dem Gebiet der heutigen Türkei seit Jahrhunderten lebten. Kulturen, die zum Spielball der Politik wurden. Mich haben besonders die letzten zwei Abschnitte bewegt, da hier das Ausmaß des Grauens sichtbarer wird. Aber auch wie die Verknüpfung des Genozides an den Armeniern und die Vertreibung der Kurden hergestellt wurde hat mir gut gefallen. Zunächst kommt der Roman, durch die kindliche Perspektive Rüstems fast harmlos daher, doch ist es eine heftige Geschichte, über Flucht und Vertreibung, über Krieg und Leid, der damit einhergeht. Schlussendlich ist sie vor allem wunderschön, fast poetisch erzählt.

Fazit

„Autoren sind Menschen die provozieren, stören und die sich gegen etwas wenden und helfen, andere Perspektiven einzunehmen.“ sagt Yavuz Ekinci in einem Interview mit dem BR. Mir hat der Roman enorm geholfen, die Geschichte der Kurden und Armenier in der Türkei zu verstehen, nicht zuletzt hat mir Wikipedia weitere Leerstellen gefüllt. Dabei hat sich durch das Lesen des Romans ein Stück Geschichte offenbart, die mir bisher nicht bekannt war.

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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